Hieronymus Bosch "Der Garten der Lüste"

Bildrahmen

Auffällig ist die Platzierung des Bildrahmens, der das Bild in der Mitte, wo es aufgeklappt werden kann, teilt - dies aber so, daß der Rahmen auf dem Bild liegt, oder umgekehrt das Bild hinter dem Rahmen. Die Darstellung der Weltkugel endet also nicht am Mittelrahmen, sondern setzt sich dahinter fort, weshalb die Mitte der Erde nicht zu sehen ist.

Auf diese Weise hat der Rahmen also nicht einfach nur die technische Hilfsfunktion, das Bild zusammenzuhalten und klappbar zu machen, sondern wird selbst zu einem Teil des Bildes. Der Rahmen wirkt dabei mehr wie ein Fenster in die Zeit, durch das der Betrachter vermutlich die Erde im Moment nach der Sintflut sehen kann. Dabei sieht er weniger als Gott, was die Möglichkeiten der menschlichen und der göttlichen Reichweite sehr hübsch zur Darstellung bringt. Diese Fensterfunktion korrespondiert auch mit der Darstellung Gottes 'hinter dem Vorhang' (s.o.).

Betrachtet man den Mittellteil des geöffneten Bildes als eine Darstellung der Menschheit vor der Sintflut, hat man es mit einer doppelten Zeitstufung zu tun: der Betrachter steht zunächst vor einem Fenster in die Vergangenheit, das sich öffnen läßt, um einen weiteren Schritt in die Vergangenheit der Menschheit zu tun. Fischer S. 326f. weist darauf hin, daß das Fenster im 15. Jahrhundert gern auch als Metapher benutzt wurde für das Sehen des Nicht-Physischen, also des Geistigen und Seelischen. In diesem Sinne wäre der Rahmen auch zu deuten als Hinweis, daß es im Bild etwas nicht unmittelbar sichtbares zu 'sehen' gibt, also als Hinweis auf eine allegorische Lektüre.

Wie innovativ Bosch mit Triptychonrückseiten verfuhr, und wie außergewöhnlich die Rückseite des "Garten der Lüste" ist, verdeutlichen die folgenden Beispiele (vgl. Jacobs):

Anbetung Heuwagen Das erste Bild ist die Rückseite der "Anbetung", das zweite die des "Heuwagens". In der "Anbetung" übermalt Bosch den trennenden Rahmen einfach. Dadurch kann er Christus in der Mitte darstellen, der dann aber direkt auf dem Rahmen klebt. Im "Heuwagen" ist der Rahmen in der Mitte ganz weggelassen, es bleibt aber ein schmaler Spalt übrig. Die Lösung im "Garten der Lüste", das Dargestellte nämlich hinter dem Rahmen fortzusetzen, erweist sich dann auch als geniale Lösung des Problems des Übergangs zwischen den beiden Teilen: der Spalt ist durch den Rahmen im "Garten der Lüste" zwar deutlich sichtbar, durch den Eindruck, man blicke wie durch ein Fenster, zugleich aber vollständig aufgehoben.