Hieronymus Bosch "Der Garten der Lüste"

Die Rückseite

Rückseite Die Rückseite des Bildes, also das, was man sieht, wenn das Triptychon geschlossen ist, haben wir zunächst für eine Darstellung der Erschaffung der Welt gehalten, genauer gesagt des dritten Schöpfungstages vor der Schaffung von Tieren, Menschen und menschlicher Zeit.

Allerdings ist die Darstellung in Grau und Grisaille recht ungewöhnlich. Glum S. 10 vermutet stattdessen, und im Rückgriff auf Gombrich, eine Darstellung der Erde nach der Sintflut, wofür er gute Argumente hat.

Glum (S. 13/14) zitiert ausführlich aus der Summa de exemplis ac similitudinibus rerum von Giovanni di San Gimignano, die tatsächlich einige passende Sätze enthält. So steht dort (unsere Übersetzung:) Der Zorn des Herrn ähnelt einem Regenbogen von Mondlicht. Damit wäre auch die Graufärbung erklärt, es handelte sich dann um eine Nachtszene. Später heißt es, daß der Regenbogen der Sonne ein Zeichen der Gnade Gottes ist, der Regenbogen des Mondes hingegen ein Zeichen des Sturms. Das der Regenbogen der Sonne öfter zu sehen ist, ist dann ein Zeichen dafür, daß Gott an sich der Gnade mehr zugeneigt ist als dem Zorn. (Mondregenbogen gibt es übrigens tatsächlich.)

Für uns heute ist solche Naturdeutung einigermaßen befremdlich, für mittelalterliches Denken aber völlig normal und einleuchtend, denn es gibt nichts in der Natur, was nicht von Gott geschaffen ist, und deshalb auch nichts, was nicht zeichenhaft auf Gott verweisen kann.

Noch überzeugender wird Glums Deutung durch diese Passage bei Giovanni: ... wie Aristoteles sagt, ist die Farbe des Mondregenbogens weiß...

Eine andere Quelle als Giovanni für diese Deutung hat Glum aber nicht gefunden und ob und durch wen Bosch davon erfahren haben könnte, ist nicht herauszufinden. Vermutet man wie Glum ein Kloster bzw. einen Abt als Auftraggeber (das vermutete auch schon Baldass 1943), erscheint auch Giovanni als Quelle nicht mehr so weit hergeholt.

Im Kontext des Bildes ergibt diese Interpretation durchaus einen Sinn: Die Rückseite wäre dann eine Darstellung des göttlichen Zorns bei Verstoß gegen seine Gebote, was dann gleichsam wie ein Damoklesschwert über den Darstellungen der Innenseite hinge.

Jenseits solcher moraldidaktischer Interpretation ist aber auch eine gleichsam erzähllogische möglich. Wir sehen deuten nämlich die dunkle Wasserfläche im Mittelteil unten links ebenfalls als Darstellung der Sintflut, das Thema der Rückseite wird da also wieder aufgenommen. Der Mittelteil ist in zeitlicher Hinsicht allerdings sehr komplex - zumindest in unserer Deutung.
Wenn man jedoch den Mittelteil des geöffneten Triptychons als Zustand der Welt vor der Sintflut interpretiert - was wir allerdings nicht tun - (vgl. Fischer, der das mehrfach behauptet bzw. darlegt), kommt man allerdings zu anderen Schlüssen. Vgl. dazu auch unsere Überlegungen zum Rahmen..

Vor zum linken Flügel

Zurück zur Untersuchungsmethode