Hieronymus Bosch "Der Garten der Lüste"

Gott

Oben links läßt sich unschwer Gott identifizieren - bei den Details wird es dann aber gleich schwieriger: Er hält ein Buch mit leeren Seiten, und hebt den Zeigefinger der rechten Hand, alles dem Betrachter zugewandt. Er liest also nicht, sondern zeigt dem Betrachter etwas. Wir haben dies zunächst als eine bildliche Umsetzung des biblischen "Gott sprach" verstanden, was insofern paradox ist, als Gott in der Bibel gesprochen, und eben nicht gelesen hat. Dennoch ergibt das einen Sinn: die Schrift auf den Seiten des Buches ist Materie geworden - deshalb ist das Buch jetzt leer, und die Erde ist da. Das ergibt eine Reihe merkwürdiger Medienwechsel (Wort -> Schrift -> Bild), auf die wir uns noch so recht keinen Reim machen konnten. Findet hier eine Art künstlerischer Selbstreflexion statt?

Es liegt außerdem nahe, das Buch als Hinweis auf das "Buch der Natur" zu verstehen, ein mittelalterliches Modell der Weltdeutung, wonach die von Gott geschaffene Natur (Welt) sich grundsätzlich ebenso sehr als Offenbarung Gottes lesen und interpretieren läßt wie die Bibel. Die Buchmetaphorik wird auch durch die Form des Tryptichons gestützt, das man wie ein Buch aufschlagen muß, wenn man etwas 'lesen' will.

Der Zeigefinger Gottes ist eine typische Lehrgeste, wie man sie auch in didaktischer Literatur und vielen Bildern (auch in Handschriften) findet. Der Adressat ist der Betrachter, und damit sind wir bei eine dritten Ebene der Gottfigur angekommen: Gott ist zugleich Erzähler und Lehrer, der den Betrachter daraufhinweist, daß es hier und auf den Innenseiten etwas zu lesen und zu lernen gibt.

Das alles erinnerte uns an die Geschichte vom Abt Brandan, in der dieser ein Buch, das Aufzeichnungen über die Wunder der Welt enthält, zerstörte, weil er darin eine Fälschung sah. Gott weist ihn persönlich auf seinen Fehler hin und zwingt Brandan, die Welt zu bereisen, und das Buch dabei neu zu schreiben. Das ist auch insofern interessant, weil es auch bei Brandan diese enge Verbindung von sehen und schreiben, von sehen-lesen-lernen gibt.

Glum S. 9 weist darauf hin, daß sich diese Position und Haltung Gottes sonst in keiner Darstellung von der Erschaffung der Welt finden. Eine positive Deutung, um seine Interpretation der Rückseite als Darstellung der Sintflut zu stützen, läßt sich u.U. darin finden, daß Gott in Wolken sitzt. Zum Zeitpunkt der Schöpfung, die aus dem Chaos heraus erfolgt, ergäbe das so recht keinen Sinn, denn die Wolken sind ja selbst ein Teil dieser Schöpfung. Ist jedoch die Erde nach der Sintflut dargestellt, ergibt sich hier zumindest kein Widerspruch, den Gott in den Wolken ist eine sehr übliche und verbreitete Darstellungstradition. Das Buch und der zeigende Finger lassen natürlich auf die Sintflut beziehen, was aber bestenfalls durch die Inschriften mehr Substanz erhält. Die leeren Seiten des Buches, das Gott hält, lassen sich dann lesen als ein Löschen der Einträge im Buch des Lebens, die Menschheit muß von vorn beginnen.

Die Wolken wirken außerdem wie ein Theatervorhang, den der Künstler gleichsam beiseite zieht, um Gott sichtbar zu machen, der dem Betrachter etwas zu zeigen und zu sagen hat. Die Welt ist für den Menschen gemacht - und die Konsequenzen hat er zu tragen..