Hieronymus Bosch "Der Garten der Lüste"

Das Fremde

Das schwierigste und zugleich spannendste Element des Bildes findet sich aber auf der Erde unten links: es sieht aus wie Felsformationen, die von Organischem (Haare? Wurzeln? Pflanzen?) durchdrungen werden. Diese 'Dinge' tauchen auch im Paradies- und im Mittelteil des Bildes wieder auf, in dieser Form aber nicht im Höllenteil. Es läßt sich nicht definieren, was da zu sehen ist, weder mit unseren, noch mit mittelalterlichen Kategorien. Die Platzierung dieser Seltsamkeiten am Rand der Erdscheibe legt aber eine Verbindung zu mittelalterlichen Weltkarten und Reiseberichten nahe, in denen der Erdrand stets von allerlei seltsamen Wundervölkern bewohnt ist. Etwas auch nur annähernd vergleichbares ist dort aber nirgends zu finden.

Damit aber bricht bei Bosch so etwas wie das absolut Fremde, das absolut Neue in eine ansonsten teilweise eher traditionelle Bilderwelt ein, zumindest, was ihre theologischen Implikationen betrifft. Diese Wunder lassen sich nicht mehr in mittelalterlicher Tradition auflösen. Im übrigen auch nicht in irgendeiner Modernen, was dann wohl zu dem letztlich doch eher hilflosen, weil ahistorischen Versuchen geführt hat, das ganze kurzerhand für surreal zu erklären. Was ja auch nichts erklärt, sondern bestenfalls einem Problem einen Namen gibt. Soviel zu Wortmagie in der Wissenschaft der Gegenwart.

Durchaus assoziativ haben wir dieses Neue mit der Entdeckung Amerikas kurzzuschließen versucht. Nicht in dem Sinne, daß Bosch hierüber genauer informiert war (was möglich, aber nicht beweisbar ist), sondern eher im Sinne einer Mentalitätsänderung. (Anmerkung: Dies ließe sich ergänzen durch das viele Neue, mit dem die Zeit um 1500 zurecht kommen mußte).

Diesen Einbruch des völlig Fremden, Neuen haben wir kontrastiert mit der traditionellen mittelalterlichen Auffassung, das es nichts Neues unter der Sonne gibt. Dieser Satz ist theologisch wohl begründet, weil nach mittelalterlicher Auffassung mit der Erschaffung der Welt alles geschaffen wurde, was es geben kann, woran sich auch bis an Ende der Zeit nichts mehr ändert. Zwar kann der Mensch mit dem Geschaffenen schalten und walten, aber nicht wirklich Neues erschaffen. Das Mittelalter lebte in der Tat in der Überzeugung, im Prinzip alles zu wissen, was gewußt werden kann (wenn auch auf niedrigerem Niveau, als Gott davon weiß). Mit dieser Gewißheit ist bei Bosch offenbar Schluß, und da wird er mit einem Mal ganz modern.

Die doch monströs wirkende Größe diese seltsamen Objekte machte uns dabei etwas zu schaffen. Traditionell wäre dergleichen monströses wohl eher widergöttlich verstanden worden, vielleicht als Einbruch des Chaos. Diese ließe sich mit dem frühen Stand der Schöpfung der Welt erklären, allerdings steht davon in der Bibel nichts. Die Schwierigkeit liegt hier natürlich darin, daß man bei der Deutung des Neuen und Fremden bestenfalls mit Vorbehalt auf traditionelle Deutungsmuster zurückgreifen kann. Wir halten die Frage offen.

Die Hölle wird in einigen Interpretationen als die zeitgenössische Erde interpretiert: die Hölle ist hier und jetzt. Das würde recht gut zu unseren bisherigen Überlegungen passen. Die Seltsamkeiten am Erdrand im Moment der Schöpfung wären dann lesbar als Zeichen für eine prinzipiell unabgeschlossene Schöpfung, die eben nicht nach sechs Tagen ein für allemal beendet ist. Neues ist in der Welt möglich - das Höllenbild würde dann zeigen, was die Menschheit aus dieser ihr geschenkten offenen Zukunft gemacht hat. Das ist im Moment aber alles noch Spekulation.