Hieronymus Bosch "Der Garten der Lüste"

Die Akrobaten

Wir haben diese Gruppe Akrobatengruppe genannt, weil das Mensch-Fisch-Mischwesen oben auf den Beinen eines Kopfstehers balanciert. In dieser Gruppe sieht man viele schwarze Vögel (Krähen?), die sich in der Nähe von Hintern befinden. Bax (1979, S. 225) deutet solche Kombinationen als Verkörperung von Armut, aber auch, aufgrund eines Wortspiels, als Kennzeichnung von Schürzenjägern (ebd., S. 225). Die Armut ergäbe hier vielleicht einen doppelten Sinn, als arm in geistlicher Hinsicht, und materiell arm als Akrobaten. Die Deutung als Schürzenjäger wird dann sinnvoll, wenn man das Mischwesen als Frau, und genauer noch als Sirene identifiziert.

Die kopfstehende Figur, auf der die Fischfrau balanciert, erinnert in ihrer Körperhaltung an den Kopfsteher im linken Bildteil. Sowohl die obszöne Haltung dieses Mannes, dessen Geschlechtsteil man deutlich erkennen kann, wie auch die Sirene als die personifizierte Verführung, machen deutlich, daß die ganze Gruppe ausschließlich auf Sex fixiert ist. In dieser Perspektive wirken die knieenden Männer so, als wollten sie das Paar bzw. den Sex anbeten.

In der Menge der Knieenden sieht man eine Figur, die durch die eigenen Beine nach hinten blickt. Bax (1979, S. 45) deutet das als Verkörperung eines Sprichworts: nur ein Narr versucht in den eigenen Arsch zu gucken, also: etwas sinnloses tun.

Recht deutlich ist auch der Bezug zur analogen Gruppe mit der Bronzeschale auf der linken Bildseite, aber hier rechts offenbar ins negative gewendet. Während links in unserer Deutung die Mühen der Demut dargestellt wird, wären die Anstrengungen der Akrobatengruppe allesamt vergebens, weil sie allein aus Liebe bzw. Sex ohne jeden Bezug zur Liebe Gottes gerichtet sind. Diese Möglichkeit ist dann wohl vergeben, weil die Gruppe keine Beziehung mehr zum Kreis hat.