Hieronymus Bosch "Der Garten der Lüste"

Der Mittelteil

Auch der Mittelteil läßt sich grob in drei Teile aufteilen.

Der untere Teil

Der untere Teil ist allerdings deutlich komplexer aufgebaut, in ihm glauben wir eine weitere Dreiteilung in Form von drei dreieckigen Flächen zu erkennen, die alle an einem Punkt, dem roten Baum, zusammenkommen. Dieser seltsame Baum, der durch seine rote Farbe ohnehin schon hervorgehoben wird, wird damit noch mehr betont. Außerdem weist er mit seiner Spitze in das mittlere Feld des Mittelteiles. Allein schon aus diesen Gründen scheint er uns für das Verständnis des Mittelteils wichtig zu sein.

Diese gehäufte Dreizahl im unteren Mittelteil - drei Dreiecke - ist an sich schon auffällig, darüber hinaus findet man aber auch immer wieder Figurengruppen, die aus drei Personen bestehen. Zahlensymboliken sind in der Vormoderne durchaus beliebt, aber in ihrer Bedeutung sehr vielfältig. Für die Drei im Zusammenhang mit der Thematik des Bildes läge allerdings die Trinität aus Vater, Sohn und Heiligem Geist nahe.

Unserer Ansicht nach lassen sich die verschiedenen Figurengruppen des unteren Feldes im Mittelteil als symbolische Darstellungen verschiedener Episoden aus dem Alten und Neuen Testament verstehen, die auf die eine oder andere Weise auf Christus verweisen oder Stationen aus dem Leben Christi darstellen.

Die Szenerie im linken Dreieck ist uns noch etwas rätselhaft, im Moment tendieren wir aber dazu, das Wasser als Verweis auf die Sintflut zu deuten im Sinne einer Drohung mit der stets möglichen Auslöschung der Menschheit durch einen unzufriedenen Gott. Die rechte Dreiecksfläche hingegen deuten wir bereits auf die Hölle hin, da die Figurengruppen dort allesamt dem Bösen nachgehen.

Weitere Strukturüberlegungen zur Anordnung der Figurengruppen haben wir auf eine eigene Seite ausgelagert:

Struktur unterer Bildteil

Der mittlere Teil

Im Zentrum des mittleren Feldes sieht man einen recht dunklen Brunnen, in dem sich ausschließlich nackte Frauen aufhalten. Um sie herum kreist ein Kavalkade von (fast?) ausschließlich Männern, was uns insgesamt eine negative Deutung nahezulegen scheint: Männer kreisen um Frauen, die widerum im wesentlichen damit beschäftigt sind, sich umkreisen zu lassen - um Christus und das Seelenheil ist hier niemand bemüht. Im Detail scheinen sich einige Szene auf höfische Szenarien beziehen zu lassen. Im Mittelpunkt steht hier also die weltliche Liebe, die tendenziell sinnlos um sich selbst kreist.

Struktur mittlerer Bildteil

Der obere Teil

Im oberen Teil steht wieder ein Brunnen im Mittelpunkt, den wir auf Maria deuten. Die vier ''Türme' um den Brunnen herum sind dann unserer Ansicht nach vier Menschengruppen bzw. Stände - Geistlichkeit, Adel, Bauern, Bürger - die auf Maria blicken. Kurzum, der obere Bildteil bezieht sich wesentlich auf Maria. Das dies so zusammengefasst wiedergegeben völlig willkürlich klingen muß, ist uns bewußt, aber die Details sind in den Überlegungen zu den einzelnen Bildelementen nachzulesen.

Struktur oberer Bildteil

Zeitpunkt

Eine in der Forschung sehr umstrittene Frage ist, welcher genaue Zeitpunkt der Geschichte der Menschheit im Mittelteil des Bildes dargestellt ist. So spricht Fischer sich für den Augenblick vor der Sintflut aus. (Vgl. auch die Bildaußenseite.) Allerdings ist es bei einer allegorisch-metaphorischen Deutung des Bildes, die wir ja vornehmen, naheliegend, die Zeitfrage ganz anders zu stellen. Die Suche nach einem exakten Zeitpunkt setzt im Grunde ein uns heute selbstverständliches lineares zeitliches Denken voraus, wonach in einem Bild eben nur präzise ein Zeitpunkt (in einem perspektivisch gefaßten Raum) dargestellt sein kann. In Hinsicht auf ein typologisches Zeitverständnis ist das aber ganz anders, darin verweist ein Ereignis in der Zeit immer auf ein anderes, die dann beide präsent sind. Wenn der untere Bildteil, wie wir ihn deuten, verschiedene Episoden des Alten und Neuen Testaments enthält, dann ist die Darstellung zeitlich gar nicht zu fixieren. Ähnliches gilt für den Mittelteil, dessen weltliche Orientierung im Grunde zu allen Zeiten zutrifft. Und der obere Teil mit seinem Marienbezug ist dann auch nur auf die Zeit nach Christus eingrenzbar. Immerhin gilt aber gegen verschiedene Forschungspositionen, daß wir den Mittelteil zeitlich nach der Vertreibung aus dem Paradies ansetzen, also nicht als Paradiesversion irgendeiner Art.

Der Mittelteil wäre dann eine Art gigantischer Simultanbühne, die große Teile der heilsgeschichtlich relevanten Menschheitsgeschichte umfaßt.

Das sich die einzelnen Bildelemente nicht unmittelbar erschließen, sondern mühsam dechiffriert werden müssen, ließe sich selbst wieder als ein wesentliches Element des Mittelteils deuten: Das Heil legt nicht offen zu Tage, sondern muß erschlossen werden, es bedarf der Anstrengung. Um es zu erkennen, muß man hinter die Oberfläche schauen. Die Schwierigkeiten der Bildinterpretation sind, so scheint uns, Programm, weshalb der Betrachter ebenso gefährdet ist, wie es die Figuren im Bild sind.

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