Hieronymus Bosch "Der Garten der Lüste"

Der Lebensbrunnen

Dieser Brunnen und die Szenerie um ihn herum ist für unsere Interpretation des Gesamtbildes von erheblicher Bedeutung, weil wir ihn als Schlüssel zur Bildinterpretation verwenden. Oder noch genauer sagt verstehen wir den Brunnen als von Bosch selbst ins Bild gelegten Schlüssel zur Interpretation auch der vielen anderen, seltsamen Gebilde.

Auffällig ist die ganz ähnliche rosa Farbe von Christi Gewand und dem Paradiesbrunnen, eine Farbe, die sonst im linken Flügel nicht auftaucht. Wir verstehen den Brunnen deshalb als Darstellung von Christus und Kirche in einem, denn in der Kirche ist nach katholischer Auffassung Christus unmittelbar wirksam und anwesend. Der Brunnen verdoppelt die Darstellung Christi im unteren Bildteil nicht nur, sondern fügt ihr eine weitere Bedeutungsebene hin zu, die Deutung auf die Kirche. Das diese zusätzliche Bedeutungsebene keine Spekulation unsererseits ist, zeigt sich bei Betrachtung der Insel, auf der dieser Brunnen steht:

Die Insel unter dem Brunnen - Achat und Perle

In der Vergrößerung erkennt man Muscheln (im Scan leider nur schwach), weiße Perlen und rote Edelsteine (?), sowie eine ganze Reihe von hohlen Glaszylindern, die recht wahllos aus dem Felsen wachsen, oder in ihm stecken. Die Identifizierung der roten 'Steine' als Edelsteine, und gar noch als Achate, erscheint recht willkürlich, wäre da nicht ein passendes Kapitel im Physiologus:

"Wenn die Perlenfischer die Perle suchen, finden sie sie durch den Achatstein. Sie binden den Achat an eine feste Schnur und lassen ihn ins Meer hinab. Es geht nun der Achat zur Perle hin und bleibt stehen und weicht nicht. Und sogleich kennen die Taucher den Platz des Achates, und der Leine folgend finden sie die Perle
Wie entsteht denn die Perle? Hör zu! Es gibt eine Muschel im Meer, die heißt Pupurmuschel. Sie steigt vom Meeresgrunde auf in den allerfrühesten Morgenstunden. Und es öffnet die Muschel ihren Mund und trinkt hinab den himmlischen Tau und den Strahl der Sonne und des Mondes und der Sterne und bringt so die Perle zustande aus den Lichtern von oben. Die Muschel, die eine Perle erzeugt, hat zwei Schalen, darin findet man die Perle.

Deutung: der Achat bedeutet den heiligen Johannes, denn er hat uns die geistliche Perle gezeigt mit seinen Worten: 'Siehe, das ist Gottes Lamm, welches der Welt Sünde trägt.' Es wird verglichen das Meer mit der Welt und die Taucher mit der Schar der Apostel und Propheten. Die beiden Schalen der Muscheln werden dem Alten und Neuen Testament verglichen, gleichermaßen auch Sonne, Mond und Sterne und der Tau mit dem Heiligen Geist, der in den beiden Testamenten vorhanden ist. Die Perle wird verglichen mit unserem Heiland Jesus Christus, denn dieser ist die wertvolle Perle [...]" (Physiologus, S. 84/85).

Der Brunnen steht also auf einem Fundament aus Texten (Altes und Neues Testament) und Worten (Johannes, die Apostel). Der Fels selbst kann als Christus gedeutet werden (vgl. auch den Hasen). Naheliegender ist hier aber eine Deutung auf Petrus: Vnd ich sage dir auch / Du bist Petrus / vnd auff diesen Felsen wil ich bawen meine Gemeine (Mt 16, 18). Die Apostel, vertreten durch Johannes, sind diejenigen, die als erste Agenten dieser Kirche den neuen Glauben in die Welt tragen. Damit sind die wesentlichen Elemente der Kirche beisammen: Christus, die Heilige Schrift, Petrus und die Apostel. Und zugleich ist damit auch der Schlüssel zur Bildinterpretation geliefert - nicht im Sinne einer alle Details erklärenden Logik, sondern im Sinne eines Deutungsverfahrens: Der symbolische Zusammenhang von miteinander gruppierten Einzelelementen kann als Erklärung eines ansonsten phantastisch anmutenden Gesamtgebildes herangezogen werde. In seiner abstrakten Form ist der Brunnen dann auch zu verstehen als die Verkörperung dessen, wofür Christus und die Kirche stehen: Den Weg zu Befreiung von den Sünde und zum ewigen Seelenheil.

In diesem Zusammenhang fiel uns auf, das sich die blassgraue Hautfarbe von Adam und Eva in den Tieren Elefant und Giraffe wiederholt, die zudem links und rechts vom Brunnen (=Christus/Kirche) stehen. Wir deuten beide Tiere als Verkörperungen von Adam und Eva.

Schwierigkeiten machen uns dabei allerdings die seltsamen Glaskolben, für die wir in den einschlägigen Nachschlagewerken keine symbolische Deutung finden können. Die einzige Möglichkeit, die uns (und nicht nur uns) hier einfällt, ist die Alchemie. Auch die seltsame Anordnung des Brunnens auf einem Felsen im Wasser könnte ein alchemistischer Hinweis sein: zur Alchemie braucht es Wasser, Stein und Licht - das Licht würde dann Christus selbst, als Licht der Welt. Die Alchemie, verkörpert in den Glaskolben, wäre dann als Schöpfung im kleinen, und als durchaus gottgefälliges Werk, beschrieben. Ob Muscheln und Perlen irgendwie alchemistisch gedeutet werden können, ist uns noch völlig unklar.

Von Bachtin aus gedacht, weisen diese Glaszylinder eine seltsam ambivalente Doppelform auf: sie ragen nach außen, und sind zugleich Höhlungen, zugleich phallisch und vaginal - überstrukturierte Zeichen von Geburt und Zeugung?

Eule (Käuzchen)

Auffällig an dem Brunnen ist natürlich die Höhle mit der Eule, die auf Christus, Adam und Eva im unteren Bildteil zu blicken scheint, und damit wieder den Blick des Betrachters lenken würde. Daß sie sich exakt in der Mitte des linke Flügels befindet, zeigt allerdings, das da mehr dahinter steckt.

"Es sagt der Psalmist: 'Ich bin geworden gleich wie ein Käuzchen in den verstörten Städten.'Der Physiologus erzählt, daß dieser Vogel die Nacht mehr liebt als den Tag.

Auslegung: Unser Herr Jesus Christus hat uns liebgewonnen, die wir in Finsternis und Schatten des Todes sitzen, das Heidenvolk mehr als die Juden, die doch die Sohnschaft und die Botschaft des Propheten mit sich bringen. Deshalb sagte auch der Heiland: 'Fürchte dich nicht, du kleine Herde, denn es ist euch euers Vaters Wohlgefallen, euch das Reich zu geben und so weiter.

Aber du wirst mir sagen, daß das Käuzchen ein unreiner Vogel ist, und wie kann es auf das Antlitz das Heilandes übertragen werden? Schön spricht der Apostel: 'Den, der von keiner Sünde wußte, hat er für uns zur Sünde gemacht', und 'er hat sich selbst erniedrigt, damit er uns alle rette und wir erhöht würden' (Physiologus, S. 14/15).

Offenbar ist die Deutung der Eule nicht einfach, und der Physiologus bemüht sich um eine Vereindeutigung. Fast scheint es, als hätte Bosch die Formulierung im Physiologus wörtlich genommen, denn wenn man den Brunnen mit Christus identifiziert, ist die Eule so etwas wie sein Gesicht. Zugleich ist die Eule im Physiologus aber auch die Menschheit, die im Dunkel des drohenden Todes sitzt, und auf Erlösung hofft - gleichzeitig also das Gesicht des Erlösers und die erlösungsbedürftige Menschheit, und damit in gewisser Weise auch die Doppelnatur Christi als Mensch und Gott. In diesem Fall wäre dies dann allerdings eine Vorausdeutung auf die Zeit nach dem Sündenfall.

Noch verzwickter wird es, wenn man andere Quellen mit hinzuzieht. Manfred Bambeck hat in seiner Untersuchung, einer Zeichnung Boschs, Texte der Patrologia Latina durchstöbert, und kommt in Bezug auf die Verwendung der Eule dort zu folgendem Ergebniss: "Ungemein vielfältig erweist sich so die düstere Palette der durch die Eulenvögel symbolisierten geistigen Blindheit: Bosheit, auswegslose Sündenverstrickung, Hurerei, Schamlosigkeit, Götzenkult, Neid und Streit. Sie repräsentieren Häretiker, Heiden, Teufel und falsche Kleriker. Sie verkörpern den satanischen Widerpart beim Erlösungswerk."

Bei Bosch ist das Böse von vornherein Teil der Schöpfung, nur eben vor dem Sündenfall irrelevant für Adam und Eva. In dieser Hinsicht läßt sich auch die Auslegung der Eule als das Böse in das Modell des Physiologus integrieren, das die christliche Heilsbotschaft und vor allem die Kirche im Bildsinne von Innen aushöhlt. Dies wäre nicht als generelle Kirchenkritik zu verstehen, sondern als Warnung vor deren Anfälligkeit für das Böse. Und dies ist im ganzen Mittelalter ein sehr gängiger Gedanke, daß der Teufel mit Vorliebe versucht, Theologen vom rechten Pfad abzubringen wie auch alle Heiligen in besonderem Maße den Anfechtungen des Bösen ausgesetzt sind.