Hieronymus Bosch "Der Garten der Lüste"

Zur Untersuchungsmethode

Die allegorische Deutung der Welt in der Vormoderne

Auf einen neuzeitlichen Betrachter wirken unsere Versuche der Bildinterpretation vermutlich zunächst einmal eher befremdlich, müssen sie doch so erscheinen, als würden wir wahllos Bedeutungen an ganz harmlose, einfach nur phantasievolle Bilddetails kleben.

Dieses Vorgehen hat aber einen geschichtlichen Hintergrund, der weit bis in die Antike zurückreicht und für die gesamte Vormoderne, und das heißt bis in 17. Jahrhundert hinein, selbstverständlich war. Der Rahmen des Weltverstehens in der Vormoderne ist wesentlich ein religiöser, wobei davon ausgegangen wird, daß Gott die Welt nicht nur geschaffen, sondern darüber hinaus mit Bedeutung belegt hat.

Die Vorstellung einer von Gott gezielt und bewußt geschaffenen Welt zieht die Frage nach sich, warum er das getan hat, was seine Ziele und Pläne für diese Welt sind. Das Bild links, das aus der Bible moralisée Codex Vindobonensis 2554 stammt, zeigt Gott bei der Erschaffung der Welt, die er nach Maß und Zahl geordnet und damit auch grundsätzlich für den Menschen entschlüsselbar anlegt. Jeder menschlichen Erkenntnis der Pläne Gottes steht aber fundamental im Wege, daß der Mensch als geschaffenes Wesen niemals in der Lage sein kann, den Schöpfer vollständig zu begreifen, denn dann wäre er mit Gott auf einer Stufe. Dies ist rein erkenntnistheoretisch betrachtet der Situation der modernen Wissenschaft übrigens gar nicht so unähnlich, die auch ohne Gott sich immer wieder mit den Grenzen menschlicher Verstehensfähigkeit herumschlagen muß. Ein wesentlicher Unterschied liegt aber darin, daß moderne Wissenschaft nicht unterstellen kann, 'die Welt' wolle uns etwas mitteilen – sie ist einfach nur da. Geht man hingegen von einer von Gott geschaffenen Welt aus, läßt sich die Sinnfrage an Gott stellen: warum und zu welchem Zweck hat er das getan?

Christliche Weltdeutung regelt dies über den Begriff der Offenbarung: Gott hat sich den Menschen auf vielfältige Weise offenbart, also seine Ziele und Absichten offengelegt in einer Form, die wenigstens ansatzweise auch dem beschränkten Menschen verständlich ist. Dies hat er aber in unterschiedlicher Weise getan, so durch seine Menschwerdung in Christus; in Schriften wie der Bibel; und in dem, was das Mittelalter das 'Buch der Natur' nennt, also die erschaffene Welt selbst. Und die mittelalterliche Gelehrsamkeit war unermüdlich darin, in allem Geschaffenen Spuren des göttlichen Willens und Botschaften seiner Ziele und Absichten zu entdecken. Dies ist wesentlich die religiöse Grundlage der vormodernen Suche nach höheren Bedeutungen noch im Allerkleinsten.

Die Lehre vom vierfachen Schriftsinn

Innerhalb der Theologie sind für diese Suche verschiedene Modelle entwickelt worden, um diese Zusammenhänge besser verstehen und dann rational und zielgerichtet suchen zu können. Eines der prominenteren Modelle ist die Lehre vom vierfachen Schriftsinn, die, wie die Bezeichnung schon andeutet, sich zunächst auf die Auslegung der Bibel bezog, später aber auch auf das 'Buch der Natur' angewendet wurde.

Nach dieser Theorie läßt sich der manifeste Bibeltext, so wie er uns vorliegt, auf vierfache Weise deuten: zunächst einmal buchstäblich als Beschreibung eines realen, historischen Vorgangs, dann typologisch/allegorisch als Aussage über den Glauben, tropologisch/moralisch als Handlungsanweisung für den Glaubenden und anagogisch als Ausdruck der Hoffnung auf Erlösung.

Jerusalem Himmlisches Jerusalem Ein typisches Beispiel ist die vierfache Deutung Jerusalems: als die historische Stadt mit ihrer spezifischen Geschichte, als die Kirche Christi, als die menschliche Seele und als das zukünftige, himmlische Jerusalem. Ein vormoderner Gelehrter 'sieht' beim Stichwort 'Jerusalem' also nicht einfach nur eine Stadt in Palästina, sondern darüber hinaus auch die auf Gott bezogene katholische Kirche wie die auf Gott ausgerichtete Seele und das zukünftige Paradies. Und umgekehrt kann in textlichen und bildlichen Darstellungen Jerusalem als Symbol für diese Deutungen einstehen. Sieht man also auf einer vormodernen bildlichen Darstellung eine Stadt abgebildet, die Jerusalem darstellt, dann muß damit nicht vordringlich die Stadt an sich, sondern es kann auch eine ihrer Bedeutungen gemeint sein. Die meisten Jerusalemdarstellungen folgen deshalb übrigens auch nicht irgendeinem Modus der wirklichkeitsnahen Darstellung der Stadt, sondern stellen eine Idealstadt dar, die man zumeist an ihrer kreisförmigen Stadtmauer erkennt, denn der Kreis ist ein Symbol der absoluten Schönheit Gottes. Natürlich wußte man auch im Mittelalter, daß keine Stadt der Welt eine völlig kreisrunde Mauer hat, aber das interessiert wenig, wenn die Darstellung auf die Bedeutungen der Stadt Jerusalem verweist.

In diesem Zusammenhang kann man auch auf Darstellungen des himmlischen Jerusalem verweisen, wie hier im Bild in Form eines Kirchenleuchters.

Da mittelalterliche Gelehrsamkeit nach diesem Prinzip jahrhundertelang gearbeitet hat, gibt es eine Fülle von ähnlichen Deutungen zu vielen Bibelstellen und darüber hinaus. Gerade für die Malerei war eine gewisse Grundkenntnis solcher Deutungsmöglichkeiten entscheidend, war doch die Kirche die wichtigste Auftraggeberin der Malerei, die solchen Bedeutungsmöglichkeiten deshalb auch Ausdruck zu verleihen versuchte. Auch Hieronymus Bosch ist in so einer Tradition des Denkens und Malens aufgewachsen.

Diese Aufladung des sinnlich wahrnehmbaren Raum mit Transzendenz und Bedeutung unternahm das Mittelalter übrigens auch für die Musik, was im Höllenteil des Bildes eine gewisse Rolle spielt.

Die Bedeutung der Dinge im Raum

Ein Feld, auf dem die Deutung des 'Buches der Natur' besonders fruchtbar war, sind die vormodernen Tierdeutungen. Diese stammen noch aus der Spätantike, nämlich wesentlich aus dem griechischen 'Physiologus'. Dieser Text ist aufgebaut wie ein Lexikon zur Tierwelt und verfährt im Allgemeinen mindestens zweistufig. Zunächst wird Sachwissen über ein Tier aufgeführt (das uns heute mitunter sehr seltsam anmutet), anschließend folgt eine allegorische Deutung des Tieres in religiöser Hinsicht. Tiere sind in dieser vormodernen Welt nicht einfach nur da als Folge einer ungerichteten Evolution, sondern sind Geschöpfe Gottes, in die Gott Botschaften 'verpackt' hat, die der gelehrte Mensch erkennen kann. Als Beispiel hier die Deutung des Löwen:

"Der Physiologus sagt, daß der Löwe, wenn er nichts zu fressen findet, in der Wüste oder im Gebirge umherstreift, im Kreis geht und einen beträchtlichen Platz mit seinem Schwanz markiert; er umschließt ihn auf der Erde, um ein Lager zu machen. Wenn er nun dorthin kommt, wo er den Anfang gemacht hat, legt er sich flach ausgestreckt auf die Erde, mit offenen Augen. Dann erheben sich die kleineren Tiere und, unsicher über den Weg des Löwen, drängen sie sich zusammen und suchen, daß sie einen Weg finden, wo der Löwe nicht gegangen ist. Da sie ihn nicht finden können, kommen sie dem Löwen immer näher, obwohl sie von ihm wegkommen wollen. Da erhebt sich der Löwe, schlägt sie und frißt sie auf.
Der heilige Basilius sagt als Deutung: 'Sieh nun auch du zu Mensch, mit deinem Laufen und Herumwandern in diesem irdischen Leben, bleib im Willen Gottes, damit du nicht in die Versuchungen des Löwen fällst, das ist des Teufels. Denn der, wenn er sich auch den Menschen nicht zeigt, sucht in den Versuchungen, welchen er verschlinge, wie der Löwe in seinem Lager'" (Physiologus, S. 8).

Ähnliche Deutungen gab es auch zu Pflanzen und Edelsteinen. Tiere, Pflanzen und Edelsteine in bildlichen Darstellungen der Vormoderne sind deshalb sehr häufig mehr als nur Darstellungen ihrer selbst, sondern auch des mit ihnen verbundenen christlichen Wissens. Auch deshalb ist die Vormoderne an exakten, naturnahen Wiedergaben von Tieren und Pflanzen nicht sonderlich interessiert. Nicht wie ein Löwe wirklich aussieht, ist aufregend, sondern welche Bedeutung er hat. Und dafür reichen auch stilisierte Darstellungen aus, Hauptsache, man erkennt, das es ein Löwe ist.

Eine Ausnahme sind hier übrigens medizinische Texte, die ein genaueres Interesse am Aussehen von Pflanzen haben können, weil es da wichtig ist, sie exakt voneinander unterscheiden zu können. Bildliche Darstellungen von Natur unterliegen in der Vormoderne keinem allgemein verbindlichen Maßstab von 'Realismus', sondern richten sich nach dem Zweck der Abbildung. So ganz fremd ist uns das heute übrigens auch nicht, auch wenn die Naturnähe von Naturdarstellungen für uns eine viel größere Bedeutung hat.

Die Bedeutung der Ereignisse in der Zeit

Das Dingen Bedeutungen zugewiesen werden können, ist uns heute natürlich nicht fremd, auch wenn wir da nur noch selten religiös vorgehen und diese Form des Alltagsgebrauchs nichts mehr mit Gelehrsamkeit bzw. Wissenschaft zu tun hat. In der Esoterik spielt dergleichen jedoch nach wie vor eine gewisse Rolle.

Armenbibel Sehr viel fremder hingegen ist für uns heute das mittelalterliche, noch aus der Antike stammende Deutungsverfahren der Typologie (vgl. dazu Ohly). Dabei wird letztlich nichts anderes getan, als allegorische Deutungsverfahren nicht nur auf Dinge im Raum, sondern auch auf die Zeit anzuwenden. Denn auch die Zeit ist eine Schöpfung Gottes, wie man in der Bibel nachlesen kann. Das bedeutet aber konsequenterweise, daß man auch in der Zeit nach Offenbarungen Gottes suchen kann, die er dort genauso hinterlegt hat wie in allen Dingen. Dabei greift Typologie wesentlich auf die Bibel zurück und bringt das Neue und das Alte Testament in einen Zusammenhang. Vorausgesetzt ist, daß auch Geschichte kein offener, evolutionärer Prozeß ist, sondern zumindest im groben einem von Gott vorgegeben Plan folgt, der von der Schöpfung der Welt über die Geburt Christi bis zur Apokalypse führt. Vorher und Nachher ist weder Raum noch Zeit, sondern nur Ewigkeit.

Die Geburt Christi ist für typologische Deutungen der Dreh- und Angelpunkt, denn von da aus kann man den Lauf der Welt in zwei Zeiten teilen, wie wir es heute ja gewohnheitsmäßig immer noch tun: vor und nach Christus. Im Mittelalter füllt man diese Zeiten konkret, nämlich unter Bezug auf die Bibel mit dem Alten und mit dem Neuen Testament. Der Grundgedanke typologischen Argumentierens ist nun, daß sich Ereignisse aus dem Alten Testament auf Ereignisse im Neuen Testament beziehen lassen.

Möglich ist dies deshalb, weil nach diesem Modell Gott selbst dafür gesorgt hat, daß in der realen Geschichte Ereignisse im Neuen und Alten Testament geschehen sind, die sich auf einer höheren Bedeutungsebene miteinander in Beziehung setzen. Man erkennt das gleiche Grundmodell wie bei den Sach- und Raumdeutungen, etwas ist nicht einfach nur da, es bedeutet auch etwas unter Bezug auf Gott, ist Offenbarung. Bei der Zeit ist das für uns nur deutlich ungewohnter.

In den sog. Armenbibeln läßt sich so ein Verfahren der Deutung von Zeit sehr schön nachvollziehen. Wir haben ein Beispiel aus einer dieser Armenbibeln gewählt, die Wiedergabe aus Platzgründen aber auf den Bildteil reduziert, an sich gehört auch noch ein Textteil dazu, der das Bild erläutert. In der Mitte des Bildes findet man ein Ereignis aus dem Neuen Testament, in diesem Fall die Taufe Christi. Links und rechts davon sind Ereignisse aus dem Alten Testament dargestellt, links die Durchquerung des Roten Meeres, rechts die sog. Traubenträger. Dabei handelt es sich um eine Episode ebenfalls aus der Mosesgeschichte, der kurz vor erreichen des Gelobten Landes Kundschafter über den Jordan schickte, die mit diesen Riesentrauben wieder zurückkamen. Beide alttestamentarischen Ereignisse werden in typologischer Deutung als sog. Realprophetien der Taufe Christi betrachtet: Christus bzw. die Taufe bringt Rettung vor dem Bösen (Pharao) und das ewige Seelenheil im Paradies (Riesenweintrauben).

Boschs Darstellungsverfahren

Vor diesem Hintergrund interpretieren wir auch Bosch, dem das alles grundsätzlich bekannt und bewußt war. Allerdings, und das ist dann der entscheidende Punkt, geht er mit dieser Tradition unseres Erachtens auf eine recht ungewöhnliche Weise um.

Jan van Eyck Madonnal Die gleichsam normale Form der allegorisierenden Darstellung im Bild ist es, den 'realen' Gegenstand bzw. das 'reale' Ereignis darzustellen in einer Form, die deutlich macht, daß die allegorischen Bedeutungen mitgemeint sind. Ein Beispiel dafür findet sich in van Eycks sog. Lucca-Madonna aus dem 15. Jh. Wenn man genau hinsieht erkennt man, daß das Jesuskind einen Apfel in der Hand hält, den Eyck vor dunklem Hintergrund regelrecht aufleuchten läßt (eigentlich müßte der im Schatten liegen). Eine Deutung dafür ist die auf den Sündenfall und damit auf das Paar Adam und Eva. Jesus und Maria sind dann der neue Adam und die neue Eva und mit seinem Opfertod wird Jesus den Sündenfall wieder aufheben. Der unscheinbare Apfel macht so eine Deutung für den wissenden Betrachter möglich.

Christus in der Kelter Einen Schritt weg von solchen sich am 'Realen' orientierenden Darstellungen sind Bilder, deren Elemente allesamt deutlich zu identifizieren sind, die aber keinen 'realen' Vorgang darstellen können, wie beispielsweise 'Christus in der Kelter'.Der Opfertod Christi wird darin in Form einer Weinkelter dargestellt. Die Weintraube als Symbol für Christus zu benutzen war üblich, aber in dieser Darstellung wird die Bildlogik umgekehrt: Christus nimmt die Stelle der Trauben ein, und Gottvater selbst quetscht in einer Traubenpresse (im Beispielbild gebildet aus dem Kreuzigungsholz) das Blut aus ihm heraus. Das wiederum verweist auf das Abendmahl, bei dem der Wein in das Blut Christi verwandelt wird.

Der moderne Betrachter kann ohne weiteres alle Details solcher Bilder identifizieren und dennoch, sofern er nicht christlich-religiös ist, nichts damit anfangen. Christus in der Kelter wirkt auf uns wohl erst einmal absurd, vielleicht lächerlich oder auch sadistisch. Nichts könnte falscher sein, die Darstellung folgt einfach der Bedeutungsebene und nicht der 'realen'.

Bosch, so denken wir nun, treibt solche Verfahren im „Garten der Lüste“ noch einen Schritt weiter, indem er auf die Darstellung des Realen immer wieder ganz verzichtet oder es so kombiniert, daß es nicht mehr 'real' ist (wie übergroße Vögel). Stattdessen versucht er in unserer Deutung, unmittelbar die allegorische Ebene darzustellen. Der Betrachter sieht sich also nicht wie sonst üblich mit der Aufgabe konfrontiert, aus der Darstellung des Realen die Bedeutung zu finden, sondern umgekehrt aus der Darstellung der Bedeutung auf das nichtgemalte Reale zu schließen. Bosch versucht also, denken wir, das eigentlich Nichtdarstellbare darzustellen, was der Betrachter dann vor dem Hintergrund seines allegorisch-typologischen Wissens entschlüsseln muß.

Unsere Vorgehensweise

Das allegorische Interpretieren der Welt stellt, wie schon die wenigen Beispiele zeigen, eine gewaltige Spielwiese zur Herstellung von Beziehungen dar, die uns heute vielfach ganz willkürlich erscheinen. Begrenzt wird diese scheinbare Willkür aber durch den christlichen Rahmen, innerhalb dessen sie stattfindet, und damit vor allem durch Texte, auf die man sich bei solchen Auslegungen berufen hat. Darüber hinaus war gerade allegorisches Wissen dem Mittelalter auch durch Predigten sowie bildliche Darstellungen und Glasmalereien in Kirchen vertraut, was für einen Maler wie Bosch natürlich um so mehr gilt. Auf welche Bücher, welche bildlichen Darstellungen, welches mündliche Wissen Bosch in seiner Heimatstadt s'Hertogenbosch zurückgreifen konnte, läßt sich aber nicht mehr verläßlich rekonstruieren.

Will man einen auf allegorischen Deutungen basierenden Interpretationsversuch des Bildes an dieser Stelle nicht einfach abbrechen, ist man darauf angewiesen, wenigstens in aller Grobheit zu rekonstruieren, was man als das allgemein verfügbare allegorische Wissen der Vormoderne annehmen kann. Das ist notwendigerweise mit einiger Unsicherheit behaftet. Das Problem besteht dabei nicht nur darin, welches Textwissen man als allgemein bekannt unterstellen kann, sondern es liegt auch darin, daß der vormodernen Gelehrsamkeit das allegorische Interpretieren mindestens so selbstverständlich und geläufig war wie uns heute der Rückgriff auf Ursache-Wirkungs-Ketten. Jedem Gebildeten stand das entsprechende Wissen grundsätzlich zur Verfügung, weshalb man davon ausgehen kann, daß Bosch jederzeit sich auch mündliche Auskunft holen konnte. Darüber hinaus wurde auch in der Predigt ständig auf allegorische Verfahren zurückgegriffen, wie auch jede Kirche durch ihre architektonische Ordnung, ihre Malereien und Skulpturen ein für jedermann zugängliches Repertoire an allegorischen Deutungen bereiststellte. Man hat also das paradoxe Problem, das wir auf der einen Seite sozusagen 'überall' allegorische Deutungsverfahren vorfinden, die jedem jederzeit auf die eine oder andere Weise zugänglich waren, wir aber auf der anderen Seite nicht präzise sagen können, ob diese oder jene Deutung aus diesem oder jenem Buch in s'Hertogenbosch tatsächlich bekannt war. Eine Interpretation auf dieser Basis kann letztlich nicht mehr leisten, als einen möglichen Horizont von allegorischem Wissen zu entwickeln und auf seine Tragfähigkeit für die Bildinterpretation zu prüfen.

Unser eigenes Vorgehen ist, wie sollte es anders sein, ein literaturwissenschaftliches. Wir folgen dabei dem schlichten hermeneutischen Prinzip, daß eine spezifische Deutung eines Details nur dann akzeptabel ist, wenn sie in so etwas wie eine Gesamtinterpretation des Bildes paßt. Auf diese Weise versuchen wir, aus der gewaltigen Fülle an damals möglichen allegorischen Bedeutungen diejenigen herauszufiltern, die sich sinnvoll auf das Bild beziehen lassen. Wir haben also versucht, aus vielen, vielen Details ein dichtes Gewebe von Verweisen aufzubauen, die sich gegenseitig stützen und so plausibel werden. Was in unserer Interpretation sicher zu kurz kommt, sind die visuellen Aspekte des Bildes, so paradox das bei der Interpretation eines Bildes auch klingt.

Die Forschung zu Hieronymus Bosch bzw. zum Garten der Lüste ist mittlerweile einigermaßen unübersichtlich geworden, um das Mindeste zu sagen. Wir haben zwar fleißig gelesen, aber mit Sicherheit ist uns Wichtiges oder Nützliches entgangen.
Wir hatten bei der Lektüre den Eindruck, daß mittlerweile jede nur denkbare Theorie (und auch eine Menge eigentlich undenkbarer) an diesem Bild ausprobiert worden sind. Etwas überrascht waren wir davon, wie viele Interpretationen nur an einzelnen Details ansetzen, und diese dann zu einer Gesamtdeutung aufblasen. Mitunter haben wir einen Zusammenhang von Bild und Deutung ganz vergeblich gesucht. Recht kurzweilig sind auch Interpretationen, die dicht am Rand der Esoterik operieren, und davon gibt es nicht wenige. Besonders schwer tun wir uns immer noch mir der Beurteilung von Forschung, die im Bild alchemistische Elemente entdeckt. Ein Abgleiten in Esoterik oder gar wilde Verschwörungstheorien ist da schon sehr auffällig.

Besonders hinzuweisen ist in diesem Zusammenhang auf das Buch von Stefan Fischer aus dem Jahr 2009, zum Zeitpunkt des Bayreuther Seminars also leider noch nicht erschienen, worin er Bosch' Malerei vor dem Hintergrund einer rhetorischen Tradition als lesbaren Bild-Text untersucht, was unserem Verfahren grundsätzlich ähnlich ist.

Verwendete Nachschlagewerke

Wichtigstes mittelalterliches 'Nachschlagewerk' ist natürlich die Bibel, die wir an vielen Stellen zitieren. Als ganz zentral hat sich der Physiologus erwiesen, ein aus der Spätantike stammende Sammlung von Tierauslegungen. Für den engeren typologischen Bereich haben wir auf die mittelalterliche sog. Armenbibel zurückgegriffen und sind im Moment dabei, uns eine bible moralisée anzuschauen. In diesem Zusammenhang prüfen wir gerade auch die concordantia caritatis von Ulrich von Lilienfeld, eine typologische Sammlung aus dem 14. Jahrhundert, die über den Bezug von Altem und Neuem Testament hinaus auch noch Naturbezüge herstellt-

Bei den Nachschlagewerke hat sich Lexikon der christlichen Ikonographie als schier unerschöpfliche Fundgrube erwiesen in allen Bereichen christlicher Allegorese. Im engeren Feld der Tierdeutungen ist Schmidtke ausgesprochen hilfreich, der sehr viele mittelalterliche Werke ausgewertet hat.

Vor zur Rückseite

(Hilfreich ist auch unsere Deutung des Brunnens im linken Flügel, den wir als Schlüssel zur Interpretation des Gesamtbildes verstehen)