Ein paar Fakten zum Erfurter Wigelis

Autor: Christoph Fasbender <christoph.fasbender@uni-jena.de>
Datum: 27.07.2006 - 15:03 CEST
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Liebe Kolleginnen und Kollegen,
ehe die Sache in Verruf kommt, bevor sie sich einen Ruf hat verschaffen können, will ich kurz mitteilen, worum es sich beim Erfurter 'Wigelis'-Fragment handelt. Die FAZ vom 24.7. erfaßt bereits Wesentliches. Etwas geschwätziger fällt mein Büchlein zur Sache aus, das dieser Tage in den Druck gehen und vor Ende des Jahres vorliegen soll (Edition, Kommentar, Einleitung).
Der 'Wigelis' (so der Name des Protagonisten, daher die Taufe in Anlehnung an 'Wigalois', 'Wigoleis' und 'Widuwilt') ist als äußeres Blatt einer letzten Lage (wohl Quaternio) auf uns gekommen. Der Schreiber datiert 1455. Der Autor Dietrich von Hopfgarten ist bisher nicht bekannt, doch habe ich Vorschläge zu seiner Identifizierung gemacht. Es kommen m. E. zwei Personen in Frage, Opa und Enkel Dietrich; beide lebten noch/schon um 1400/1410. Die Herren von Hopfgarten (bei Weimar) siedelten zu dieser Zeit in Schlotheim bzw. Mülverstedt (Thüringen). Sie waren karitativ und landespolitisch sehr engagiert, standen den Landgrafen stets nahe, und der Enkel, der bei Brüx gegen die Hussiten kämpfte, zog sogar ins Heilige Land; literarisch-kulturell allerdings ist bisher nichts los in der Familie. Ein Zusammenhang mit "Hopfgart" (VL) ist Spekulation. Daß Erfurt das Mainzer Wappen mit dem Rad trägt, ist wohl nur ein netter Zufall.
Das Gedicht basiert auf Wirnts Wigalois, strafft, akzentuiert, kürzt. Es ist m.W. der früheste in ein heldenepisches Metrum (Bernerton) umgegossene Artusroman. Was der Autor für Zwecke verfolgte, läßt sich nicht eindeutig sagen. Ich spekuliere (!) dahingehend, daß Dietrich den 'Wigalois' richtig eingeschätzt hat und aus dem höfischen Roman ein heldenepisches Gedicht gemacht hat. Dann wäre er ein belesener, ein kundiger Mann gewesen. Aber das stelle ich dann natürlich zur Diskussion, und ich bin mir dessen bewußt, daß die (Haug-nahe) Position anfechtbar sein wird. Was anderes ist mir trotzdem nicht eingefallen. Das Manuskript mit seinen Cadellen und Kritzeleien ist an sich bemerkenswert, aber es ist Abschrift (Auslassung sinntragender Wörter) und muß nicht den Willen des Verfassers treffen.
Das Fragment wurde im Frühjahr in Vorbereitung der Ausstellung 'bescheidenheit. Deutsche Literatur des Mittelalters in Eisenach und Erfurt' (UB Erfurt, ab 21.8.2006-13.10.2006) durch Zufall entdeckt. Auf dieser Ausstellung, zu der es auch (pünktlich!) einen Katalog geben wird, wird es zu sehen sein.
Was an all dem "sensationell" ist, wird jeder, der mit solchen Dingen professionell zu tun hat, für sich am besten beurteilen können. Wenn das Büchlein vorliegen wird (ich beeile mich!), sollte die Diskussion auf einem Level aufleben, das die Sache verdient.
Mit Dank für Ihr Verständnis und den besten Grüßen
Ihr Ch. Fasbender
Received on Thu Jul 27 15:03:02 2006

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