Kraemers Scriptores CD - Nochmals Bollstatter

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Autor: Klaus Graf (klaus.graf@geschichte.uni-freiburg.de)
Datum: 27.01.2004 - 18:01 CET


"Sigrid Krämer: Scriptores codicum medii aevi
Datenbank von Schreibern mittelalterlicher Handschriften.
    Basiert auf MS Access2000?.
    1 CD-R. Augsburg 2003.
    Einzelplatz. ISBN 3-9807122-9-X. € 75.-
    Nur Online-Zugriff Einzelperson (password / ip) Euro
50.
Mehr als 30.000 Schreibernamen, in über 30 Jahren
gesammelt, nicht allein aus Handschriften deutscher
Provenienz, sondern aus dem ganzen mittelalterlichen
Europa. Soweit eruierbar werden neben
Handschriftennachweisen auch biographische Daten und
Literaturangaben geboten.
www.erwin-rauner.de "

BESPRECHUNG

Die CD kann erst ab Windows 98 installiert werden,
aergerlicherweise wird der gesamte Inhalt auf die
Festplatte kopiert (100 MB freier Platz seien erforderlich,
heisst es). Nach der Installation kann mit MS-Access
gearbeitet werden. Wer damit vertraut ist, kommt gut
zurecht; ich finde diese Datenbanksoftware umständlich. Ist
kein Drucker installiert, verabschiedet sich das Programm,
wenn man das Druckersymbol anklickt um den in einzelne
Datenbankfelder gestueckelten Gesamtttext eines Eintrags zu
erhalten (bzw. zu Exportzwecken). Man muss aufpassen, dass
man an der Datenbank nichts aus Versehen aendert/loescht -
sonst muss man die Version von der CD nochmals kopieren.

Bei der Suche sollte man immer einen Stern voransetzen:
*Essl* findet z.B. Schreiber aus Esslingen. Eine
Hilfefunktion gibt es nicht, man sollte also die Angaben
auf der gedruckten Beilage aufmerksam durchlesen.

Die Internetversion konnte ich kurz vor laengerer Zeit dank
freundlichen Entgegenkommens von Herrn Rauner einsehen,
laut
Aufdruck auf der CD koennen Inhaber der CD sie zwei Jahre
lang nutzen. Die Internetversion ist meiner Erinnerung nach
funktional und intuitiv etwas eingaengiger als die
Datenbank auf CD.

Angesichts der ueberwaeltigenden Informationsfuelle zu
mittelalterlichen Schreibern ist die Anschaffung der CD
nicht nur allen Handschriftenbibliotheken, sondern auch all
jenen zu empfehlen, die sich mit mittelalterlichen
Schreibern insbesondere in prosopographischer Hinsicht
beschaeftigen.

Systematisch eingearbeitet wurden nach Angabe der
Einfuehrung, die gedruckt beiliegt, die sechs Baende der
"Colophons" der Benediktiner von Bouveret, die Angaben des
Verfasserlexikons (vor allem bis Bd. 10) zu Schreibern. Die
meisten Notizen aber werden einer jahrzehntelangen Sichtung
von Handschriftenkatalogen (auch entlegenster Bibliotheken)
verdankt, die ergaenzt wurde durch eine Auswertung vor
allem der altgermanistischen Fachliteratur.

Auch die - teilweise noch beruecksichtigte - Datenbank der
"Manuscripta Mediaevalia" bietet nur einen kleichen
Bruchteil der bei Kraemer zusammengestellten
Schreiberangaben. Es beduerfte wohl eines grossangelegten
Forschungsprojekts, wollte man Vollstaendigeres bieten.

Wie schon beim "Handschriftenerbe" muss man sich auch bei
der Benutzung dieser Datenbank staendig vor Augen halten,
dass sie gleichsam nebenher mit Notizen gefuellt wurde und
dass es nicht mehr moeglich war, sie gruendlich zu
ueberarbeiten. Es handelt sich um eine gewaltige
Kompilation, die mit viel Vorsicht benutzt werden will. Es
gibt natuerlich eine immense Zahl von Fehlern,
Nachlaessigkeiten und Luecken.

Bedauerlich ist, dass die Autorin nicht vermerkt hat, wenn
sie selbst Neues gegenueber der bisherigen
Sekundaerliteratur beizutragen hat. Man muss also bei
Angaben, die einem ungewohnt vorkommen, stets ueberpruefen,
ob es sich tatsaechlich um einen aufregenden Neufund oder
um einen Irrtum handelt.

Exemplarisch sei dies an der Augsburger Schreiberin Klara
Haetzlerin und dem Augsburger Schreiber Konrad Bollstatter
demonstriert, die von Karin Schneider in ihrem Aufsatz in:
Literarisches Leben in Augsburg ... 1995 abgehandelt wurden
(von Krämer ausgewertet).

Bei den Haetzlerin erscheinen gegenueber Schneiders
Zusammenstellung zwei neue Hss. in Dresden und
Wolfenbuettel, aber Schneiders Feststellung, dass Wien 3614
frueher Lambach 147 war, wurde ignoriert: die Hs. wird also
doppelt aufgefuehrt. Ich habe mich nicht darum gekuemmert,
was es mit den beiden "neuen" Codices auf sich hat.

Nun zu Bollstatter, ueber den ich neulich ja schon
berichtet habe. Seine markanten, scheinbar
unverwechselbaren Schriftzuege sind im Web zu
besichtigen auf der Cato-Seite
http://www.rrz.uni-hamburg.de/disticha-catonis/abbildungen.html

Hier unter London MS Additional 16581, 296v, 300v

Krämer hat zu ihm die folgende Kurzbiographie in der
Datenbank:

"Alias Molitor, alias Amerel, alias Lappleder, alias de
Oetingen. Tätig in der Kanzlei der Grafen von Oettingen.
Zwischen 1466/82 in Augsburger Handschriften und
Steuerbüchern nachweisbar. Vielleicht Bruder des Heinrich
Molitor (s.d.).
Stammte aus dem Dorf Bollstadt im Ries. Arbeitete als
Kanzlist des Grafen Ulrich von Öttingen [1450/73] auf
Schloß Baldern bei Nördlingen. Dort u.a. eine Sammlung von
Losbüchern angelegt. War wohl nicht nur reiner Abschreiber
sondern auch teilweise Verfasser. Soll sogar eine
Lateinschule besucht haben, denn er war in schöner
Literatur sehr belesen. Hatte eine besondere Liebe für das
'Glücksrad' und die Würfelbücher. Stammte aus der
Schreiberfamilie Müller in Öttingen (Ries), wohl illegitim
mit den Herren von Bollstatt verwandt. Kanzlist in Diensten
der Grafen von Öttingen. 1455/58 in Höchstädt (Donau), seit
1466 in Augsburg ansässig. Nachweisbar zwischen 1420/82."

Bereits an der Doppelung der Herkunftsangabe erkennt man,
dass nachtraeglich juengere Informationen hinzugefuegt
wurden, ohne dass eine Ueberarbeitung stattgefunden hat.

Nun die Handschriftenliste (am Ende steht die lfd. Nummer
in der Datenbank):

Augsburg, SStB, 2°142 (II, 60), fol. 1r-141r (um 1430), aus
Augsb., St. Ulrich 1
München, SB, Cgm 735 (I) (a. 1472/82). 2
München, SB, Cgm 758, fol. 164r (a. 1471, `Amerel´!). 3
London, BL, Add. 16581 (a. 1468/69). 4
Wolfenbüttel, HAB, 75.10. Aug. 2° (Heinem. 2722), fol.1-107
(71rb) (partim) (a.1468). 5
Berlin, SBPK, Germ. 2°564 (a.1472 als Cunrad Müller von
Oetingen, zu Augsburg). 6
Wolfenbüttel, HAB, 37.17. Aug. 2° (Heinem. 2427) (a.1474,
als Cunrad de Oetingen). 7
Augsburg, SStB, 2°142 (V, 118), (a. 1450, Conrad Mulitor de
Oetingen). 8
München, SB, Cgm 312, fol. 30r (a. 1450/73)
("Losbuchsammlung"). 9
München, SB, Cgm 252, fol. 2r, 185r (a. 1455/77 in
Augsburg). 10
Praha (Prag), Böhm. National-Museum, Nr. XVI, 6 (3636) (a.
1481), fol. 166r. 11
München, SB, 2°Inc. s. a. 767 (Nachträge u.
Marginalien). 12
Heidelberg, UB, Cpg 4 (a. 1455/79, 1458 als Konrad Müller
von Oetingen). 13
Berlin, SBPK, Germ. 2°722 (a. 1482). 14
Karlsruhe, LB, E. M. 29 (a. 1453). 15
Augsburg, SStB, ... (V, 118) (a. 1450) 16
Heidelberg, UB, Cpg 2 (a. 1458/79). 17
München, SB, Cgm 213 (a.1479/81, Zusätze). 18
München, SB, Cgm 722 (a. 1482). 19
Augsburg, StadtA, Schätze 19 (um 1465/75). 20
Augsburg, StadtA, Schätze 121, fol. 1-30. 21
München, SB, Cgm 463, fol. 24r-63v. 22
München, SB, Cgm 568, fol. 106va-vb (Einträge). 23
München, SB, Clm 7366 (a. 1477, Einträge). 24

Es fehlt die erst 1994 von J. Wolf entdeckte Hs. in
Rumaenien (VL 11, 87). Was es mit der Hs.
aus Ettenheimmuenster (im Lit.verz. wird der
Preisendanz-Katalog zitiert) auf sich hat, wird im Anhang
dargelegt werden - leider kein Neufund, sondern eine
falsche Zuweisung.

Eine sorgfaeltige Auswertung des Schneider-Aufsatzes haette
den Fehler vermieden, Clm statt Cgm 7366 zu schreiben und
diesen Textzeugen in zwei aufzuspalten, denn es handelt
sich um die Muenchner Inkunabel, die spaeter zu den Hss.
umgestellt wurde (wie G. Kornrumpf vor laengerer Zeit
entdeckt hat).

Bei Prag ist in der Signatur ein A entfallen.
Unverstaendlich ist, weshalb die Augsburger Hs., die 1430
vom Vater Bollstatters geschrieben wurde, wie schon
Schneider 1970 festgestellt hat, aufgenommen wurde und zwar
zweimal. Im einen Fall bezieht sich "(II, 60") wohl auf den
alten Braunschen Katalog der Hss. aus St. Ulrich und Afra,
wo sie als Nr. 60 in Bd. 2 erscheint.

Bei der folgenden Literaturliste sind nicht alle Titel
durch Doppelklick aufzuloesen:

1 Spilling, Katal. Augsburg SStB 3, S. 69.
2 K. Schneider, Ein Losbuch Konrad Bollstatters, Wiesbaden
1970.
3 Col. 1, Nr. 2790, 2885, 3070-3071.
4 K. Schneider, Katal. München SB Cgm V/2, S. 48ff.,
139ff., 295ff; V/3, S. 354ff.
5 V/4, S. 151ff.; V/5, S. 186, 268f.
6 Brandis, Minnereden, S. 215.
7 Verf. Lex. 1, 1933, S. 253f. (Niewöhner); 5, 1955, S.
695-697 (G.Eis).
8 C. Wehmer, in: Gutenberg Jahrbuch 1933, S. 297.
9 Wirth, Armenbibeln, S. 75.
10 Priebsch, England 2, S. 148, 151.
11 Col. 2, Nr. 2885, 3070-3071.
12 Lehmann-Haupt, Schwäb.Federzeichnungen, Berlin 1929, S.
98, 110f., 186, 206, 209, 211.
13 Eis, Fachprosa, in: Stammlers Aufriß 2, 2. Aufl., 1966,
S. 1203.
14 H. Frühmorgen-Voss, in: DVS 43 (1969), S. 43.
15 W. Stammler, in: RDK 5, S. 838.
16 P. Joachimsohn, Meisterlin, 1895, S. 84ff.
17 cf. AfKdVz NF 3 (1855), Sp.31f.
18 Helko Eis, Zur Rezeption der kanonist.
Verwandtschaftsbäume Joh. Andreae, Diss.
19 Heidelberg 1965, S. 15ff., 18f.
20 Heinemann, Katal. Wolfenbüttel II/3, S. 145, 390.
21 Preisendanz, Katal. Karlsruhe (E. M.), 1932, S. 15.
22 MBK 3, S. 173.
23 Scherer, Quellen u. Forschungen z. Sprach- u.
Kulturgesch. 21 (18..), S. 72.
24 Mezger, Katal. Augsburg, S. 89f.
25 K. Schneider, Datierte Hss., S. 19f. und Abb. 218.
26 K. Schneider, Berufsschreiber, S. 19f.
27 Ott, Katalog 1, S. 20.
28 Verf. Lex. 1, 2. Aufl., 1978, S. 735, 931-933 (K.
Schneider); 6, 2. Aufl., 1987,
29 S. 912; 7, 2. Aufl., 1989, S. 205, 690; 8, 2. Aufl.,
1992, S. 473, 867; 10,
30 2. Aufl., 1999, S. 1433.

Es ist nicht unwahrscheinlich, dass es in dem riesigen
Datenmaterial ein paar durchaus bedeutsame Neuentdeckungen
zu "bekannten" Schreibern gibt. Ein Blick in die Datenbank
ist im Zweifelsfall daher stets zu empfehlen. Man muss nur
alles genauestens ueberpruefen, bevor man es verwertet!

Da vielfach (nicht immer) die lateinischen
Schreibervermerke zitiert werden, kann man beispielsweise
durch die Suche mit *scol* oder *schol* Hss. aus dem
Schulbereich (z.B. zur Ulmer Schule) auffinden. Oder man
kann natuerlich alle Schreiber sich auflisten lassen, die
z.B. mit Augsburg in Verbindung standen.

Das Fazit: Auf jeden Fall verdient die Autorin fuer ihren
Mut, die Sammlung trotz aller Maengel der Forschung
zugaenglich gemacht zu haben, grossen Dank und Respekt. Sie
hat eine einzigartige Grundlage geschaffen, an der man
mittelfristig nicht mehr vorbeikommt.

Klaus Graf

Anhang:
Mein herzlicher Dank gilt Felix Heinzer und Wolfgang
Runschke/Ute Obhof, die sehr rasch und kompetent bei der
Frage von "BLB Karlsruhe Ettenheimmuenster 29 von
Bollstatter?" geholfen haben.

Im Preisendanz-Katalog wird lt. Heinzer auf den
Schreibervermerk eines Konrad Molitor hingewiesen, der in
den Nachtraegen zum Reprint indirekt mit Bollstatter
identifiziert wird. Allerdings weise die Hs. eher nach
Straßburg. Und: "Conrad Molitor ist eben ein so "normaler"
Name, daß es ohne weiteres auch einen nicht mit Bolstatter
identischen Molitor als Schreiber geben könnte."

Wolfgang Runschke hat meine an Frau Obhof gerichtete
telefonische Anfrage per Mail innert weniger Stunden wie
folgt beantwortet:

"Ein Vergleich mit
dem Faksimile von Cgm 312 und den Abbildungen bei Haupt,
Schwäbische
Federzeichnungen, hat folgendes ergeben: Auf den ersten
Blick scheinen die
Hände tatsächlich sehr ähnlich zu sein. Bei genauerem
Hinsehen lassen sich
aber einige Unterschiede erkennen:
Bollstatter wechselt beim "d" in der Oberlänge zwischen
nach links geneigter
offener Endstelle und mit Schleife geschlossener Form,
wobei er letztere
bevorzugt. Bei E.M.29 ist "d" dagegen konsequent
geschlossen.
Der Schaft des Binnen-"h" hat beim Schreiber von E.M.29
eine bolzgerade
vertikale Unterlänge, während Bollstatter gewöhnlich mit
einer Schleife
abschließt.
Typisch für den Schreiber von E.M.29 ist ein oben leicht
geöffnetes "p".
Bollstatter schließt dagegen immer mit einem Haarstrich als
Haste zum Schaft
hin ab.
Im Gesamteindruck sind die Schäfte beim Schriftbild E.M.29
sehr aufrecht,
manchmal seitenweise mit einer leichten Linksneigung. Bei
Bollstatter neigen
sich die Schäfte genrell eher nach rechts.
Kurz und gut: E.M.29 ist wohl nicht von Bollstatter.

Mit freundlichen Grüßen

Wolfgang Runschke

Übringens sind in den Spiegeln von E.M.29 deutsche
Privaturkunden aus
Straßburg (1445) und Basel (1426) eingeklebt - aber das mag
bei Bollstatters
Aktionsradius nicht viel bedeuten."

Also leider keine neue Bollstatter-Hs.! (Moeglicherweise
haette ich mich, obwohl mit Bollstatters Hand vertraut, bei
Autopsie von der Aehnlichkeit taeuschen lassen - um so
dankbarer bin ich fuer den Schriftvergleich Runschkes.)


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