Schreiber - Konrad Bollstatter in Augsburg

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Autor: Klaus Graf (klaus.graf@geschichte.uni-freiburg.de)
Datum: 10.01.2004 - 00:55 CET


Die von Herrn Schubert gestellte Frage, wie mir das von ihm
hrsg. Heft von "Das Mittelalter" sonst gefaellt,
 moechte ich, nachdem ich mich nun etwas naeher damit
befasst habe, gern in der Liste beantworten: ausgezeichnet.

Das betrifft auch die Einleitung und Herrn Schuberts
eigenen Beitrag zur Varianzforschung.
Vielleicht ist er ja so nett, einen Teil der Einleitung mit
den Zusammenfassungen der Beiträge
und/oder der Auswahlbibliographie ins Netz zu stellen oder
hier in die Liste zu geben? Es handelt sich
ja um ein ausserordentlich wichtiges Thema, wie ich meine.

In der Auswahlbibliographie habe ich nicht nur
Internetquellen vermisst, sondern auch
 Karin Schneiders fundamentalen Beitrag zu den Augsburger
Schreibern (1995).
Schubert schreibt S. 135, der gezielte Vergleich
verschiedener Versionen volkssprachlicher Texte,
der auf einem "besonderen, nahezu philologischem Interesse
beruhen müsste", sei selten
und fuehrt in der Fussnote fuer die Chronistik Juergen
Wolfs Aufsatz zur Stadt-Weltchronik Bollstatters an.

Der Augsburger Schreiber Konrad Bollstatter ist als
Schreiber exzeptionell - gleichsam ein Anti-Sattler, der
intelligent mit seinen
Vorlagen verfaehrt und durchaus ein proto- oder
parahumanistisches philologisches Interesse erkennen
laesst.

Dazu bemerkte ich 1987 in meiner Dissertation
"Exemplarische Geschichten" (S. 198f.):

"Bollstatters geradezu philologische Bemühungen um den Text
[des Petrus Pictaviensis "Compendium" deutsch]
sind nicht nur an der Augsburger Handschrift [Stadtarchiv
Augsburg Schätze 121] ablesbar, der
er Varianten aus einer Handschrift aus Andechs beigab,
sondern auch an der Textfassung von Cgm 252. Er versucht,
die Überlieferung des Textes dadurch zu verbessern, daß er
die Lesarten zweier Handschriften vereint. So hat z.B.
Cgm 564 an einer Stelle "erdruckt", die Göttinger
Handschrift [theol. 293]
stattdessen "geschwechet", Cgm 252 liest: "entrucket
und geschwechet".
Fn. 50: Vollmer, Bibelauszüge, 136 Z.19, vgl. auch ebd.,
127 Z.14.

Bollstatter nimmt sich im Cgm 252 aber auch die Freiheit
heraus,
bei der Erwähnung Adams einen
Kurztext zu interpolieren. Der Text, dessen Anfang
aufgrund des fragmentarischen Zustands des Cgm 252 verloren
ist, erzählt, wie Adam von dem Engel Raphael ein Buch
geheimer Weisheit erhält, das sich von Geschlecht zu
Geschlecht bis zu König Salomo vererbt. Diese Erzählung
entstammt nicht der christlichen Legendenüberlieferung,
sondern
der jüdisch-kabbalistischen Tradition
Fn. 51: Cgm 252, f. 142ra-144ra; vgl. Encyclopaedia Judaica
1, 777
und Handwörterbuch der Sage 1. Lief., 95.
Für Hinweise habe ich Herrn Dr. H. J. Uther, EM, Göttingen,
zu danken."

Dank Herrn Rebiger (Judaistik FU Berlin), dessen Mail ich
im Anhang wiedergebe, laesst sich nunmehr
genaueres ueber den Kurztext sagen, der vielleicht eine
singulaere deutschsprachige Rezeption
des Liber Razielis darstellt und einmal mehr Bollstatters
einzigartige Kennerschaft
unter Beweis stellt.

Weitere Beobachtungen zu Bollstatters Redaktionstaetigkeit
finden sich in den unten
angefuehrten Publikationen von J. Wolf, wobei insbesondere
auf die Besprechung des Bandes
"Literarisches Leben" in der ZfdA 1997 hingewiesen sei. Ich
dokumentiere anhangsweise
meinen NDB-Artikel mit erheblich erweiterter Literaturliste
und einer Liste der bekannten Hss. Bollstatters.
 Vielleicht wissen wir im kommenden Februar
dank der Fifteenth Centuries Studies dann auch mehr über
den Genderaspekt seines Oeuvres ...

Klaus Graf

ANHANG 1:

Klaus Graf, Müller, Konrad (gen. Bollstatter), in: Neue
Deutsche Biographie 18 (1997) S. 447f. (ergänzt)

Berufsschreiber und Autor/Redaktor

* um 1420/30 Öttingen
+ um 1482/83 Augsburg

Vater: Konrad Müller (d.Ä.) aus einer Deininger
Schreiberfamilie, möglicherweise illegitimer
Abkömmling der niederadligen Herren von Bollstatt,
Kanzleischreiber der Grafen von Öttingen
(+ vor Ende 1440)
Mutter: Margarethe N. N. (belegt 1447)

Konrad Müller, der Germanistik vor allem als Konrad
Bollstatter geläufig, begann seine
Laufbahn als Schreiber in der Kanzlei der Grafen von
Öttingen (belegt 1446-1453). Unter
anderem war er an der Niederschrift des ältesten
öttingischen Lehenbuchs beteiligt. 1455 und
1458 durch Schreibervermerke in Höchstädt nachweisbar, ließ
er sich spätestens 1466 in
Augsburg nieder, wo er - vermutlich in bescheidenen
Verhältnissen - als Berufsschreiber lebte.

Während gleichzeitig der Augsburger Buchdruck den
literarischen Markt eroberte, war es M.
nicht um Massenware, sondern um Literatur für Kenner und
Liebhaber zu tun. Bislang konnten
15 volkssprachliche, zum Teil illustrierte Handschriften
von seiner Hand ermittelt worden.
Inwieweit M. selbst als Illuminator tätig war, läßt sich
noch nicht abschließend feststellen. Der
Bogen der von ihm abgeschriebenen literarischen Texte
spannt sich von Freidank und Konrad
von Würzburg bis zu den Frühhumanisten Heinrich Steinhöwel
und Niklas von Wyle. Als
einziger Auftraggeber ist der Augsburger Bürgermeister Jörg
Sulzer bekannt, für den M. 1481
eine Armenbibel abschrieb. M.s Vorliebe für didaktische
Literatur bezeugt nicht zuletzt
'Bollstatters Spruchsammlung' (Handschrift heute in
London), die viele Sprüche Personen aus
dem Ries und den benachbarten Regionen in den Mund legt. Es
ist denkbar, daß M. damit einen
literarisch interessierten Zirkel verewigt hat.

M. bezeichnet sich als Autor eines kurzen Gedichtes von den
Töchtern des Teufels.
Bemerkenswerter ist freilich M.s mit geradezu
philologischem Eifer betriebene produktive
Rezeption der abgeschriebenen Schriften, die er teilweise
erheblich umgestaltet hat. M. kann als
vielseitig gebildeter Textsammler charakterisiert werden,
der seine dabei erworbenen
Kenntnisse in den von ihm geschriebenen Handschriften als
Redaktor gekonnt zu verwerten
wußte. Dies gilt auch für den Bereich der Historiographie,
einen weiteren Schwerpunkt seines
Wirkens. Seine 1479 entstandene Handschrift der deutschen
Fassung von Sigismund Meisterlins
Augsburger Stadtchronik weist nicht nur zahlreiche
Interpolationen auf, sondern auch eine -
wohl von M. selbst verfaßte - Fortsetzung bis zum Jahr der
Niederschrift. In gleicher Weise hat
M. auch einen Druck der Straßburger Chronik Jakob Twingers
durch handschriftliche Zusätze
sowie eine von ihm gefertigte Abschrift der 'Sächsischen
Weltchronik' aktualisiert.
Höchstwahrscheinlich stammt von M. die Übersetzung der um
1474 in der Buchdruckerei der
Augsburger Abtei St. Ulrich und Afra erschienenen
lateinischen Chronik Burchards von
Ursberg ins Deutsche, die in einer späteren Abschrift
(Mscr. Dresdensis H 171) erhalten
geblieben ist. Einmal mehr dokumentiert dieses Zeugnis, das
vor der Folie des damals
erwachenden Interesses an der Staufergeschichte zu sehen
ist, M.s Engagement bei der
Vermittlung historischen Wissens an ein laikales Publikum.

Literatur (erheblich erweitert gegenüber der NDB)

P. Joachimsohn, Die humanistische Geschichtsschreibung in
Deutschland, 1895, 84-90
H. Lehmann-Haupt, Schwäbische Federzeichnungen, 1929,
120-127
K. Schneider, Ein Losbuch Konrad Bollstatters aus cgm 312
der Bayerischen Staatsbibliothek
München, 1973 (grundlegend)
E. Grünenwald, Das älteste Lehenbuch der Grafschaft
Öttingen. Einleitung, 1975 (wichtige archivalische Funde)
K. Graf, Exemplarische Geschichten, 1987, S. 192-202
H. Blosen, Die Fünfzehn Vorzeichen des Jüngsten Gerichts im
Kopenhagener und im Berliner
Weltgerichtsspiel, in: Ja muz ich sunder riuwe sin.
Festschrift für Karl Stackmann, 1990, S.
206-231
K. Gärtner, Aus Konrad Bollstatters Spruchsammlung, in:
Festschrift Walter Haug und Burghart
Wachinger, 1992, S. 803-825
E. Grünenwald, in: Rieser Biographien, 1993, S. 271-273
(weitere Literatur!)
K. Graf, Staufer-Überlieferungen aus Kloster Lorch, in: Von
Schwaben bis Jerusalem, 1995, S. 209-240, hier S. 231
 (zur Dresdener Burchard-Übersetzung)
K. Schneider, Berufs- und Amateurschreiber, in:
Literarisches Leben in Augsburg während des
15. Jahrhunderts, 1995, S. 8-26, hier S. 15f., 19f. (dazu
ergänzend J. Wolf, ZfdA 126, 1997, S. 357-359)
J. Wolf, Die Augsburger Stadt-Weltchronik Konrad
Bollstatters, Zs. des Hist. Vereins für Schwaben 87 (1995)
S. 13-38
J. Wolf, Konrad Bollstatter und die Augsburger
Geschichtsschreibung, ZfdA 125 (1996) S. 51-86
(wichtigster neuerer Beitrag)
J. Wolf, Die Sächsische Weltchronik im Spiegel ihrer
Handschriften, 1997 (siehe Register)
J. Wolf, Augsburger Stadtchroniken des 15. Jh.s, in: ²VL 11
(Lief. erschienen 2000) Sp. 185-188
K. Schneider, in: ²VL 1 (1978) Sp. 931-933 (ältere
Literatur!)
G. Kornrumpf, in: Literaturlexikon, hg. W. Killy 2 (1989)
S. 98f.

Projekte zu Bollstatter:
Jürgen Wolf will sich weiter intensiv mit dem Augsburger
Schreiber befassen:
http://www.bbaw.de/forschung/dtm/wolf2_Forschung.htm

Laut
http://www.boydell.co.uk/5468.HTM soll in den
Fifteenth-Century Studies im Febr. 2004 der folgende
Artikel erscheinen:
" Konrad Bollstatter's Scribal Practice as Commentary:
Women and the Consequences of Virtue in the Texts of CGM
252"

Liste der derzeit bekannten eigenhändigen Hss. Bollstatters
nach der Nummerierung von Wolf ZfdA 1996, S. 59f.

1. Cgm 312
2. Cgm 252
3. Cgm 213
4. Heidelberg Cpg 4
5. Wolfenbüttel Cod. Guelf. 75.10 Aug. 2°
6. Wolfenbüttel Cod. Guelf. 37.17 Aug. 2°
7. Berlin Mgf 564
8. Berlin Mgf 722
9. Prag Nationalmuseum Cod. XVI.A.6
10. London BL Add. 16581
11. Cgm 463
12. Cgm 758
13. Cgm 735
14. Cgm 7366 (Einträge im Twinger-Druck)
15. Einträge im 'Älteren öttingischen Lehenbuch' (Fürstlich
Öttingisches Archiv Harburg)
16. Alba Iulia Ms. I.115
17. Augsburg Stadtarchiv Schätze 19
18. Augsburg Stadtarchiv 121
19. Cgm 568 (nur Nachträge)

ANHANG 2:

From: Bill Rebiger <rebiger@zedat.fu-berlin.de>
Subject: cgm 252
Date: Mon, 3 Mar 2003

Die Interpolation in Ms München cgm252 weist große
Übereinstimmung mit der
entsprechenden Passage ("Oratio Adami") im lateinischen
Liber Razielis
auf, der wiederum auf hebräische Quellen ("Tefillat Adam" -
"Gebet des Adam") zurückgeht. Der Liber Razielis wurde auf
Veranlassung
von Alfonso X. el Sabio von Kastilien im 13. Jh. ins
Kastilische bzw.
Lateinische übersetzt. Das sechste Buch des Liber Razielis
ist eine
Übersetzung des hebräischen Sefer ha-Razim ("Buch der
Geheimnisse") mit
zahlreichen Zusätzen, u.a. aus dem sogenannten "Gebet des
Adam". Das
"Gebet des Adam" wird in den hebräischen Textzeugen im
Rahmen eines
weiteren "Sefer ha-Razim", dem sog. "Sefer Adam"
überliefert. Beide Texte
(Sefer ha-Razim und Sefer Adam) werden wir edieren. Das
sechste Buch des
lat. Liber Razielis werden wir im Rahmen unseres Projektes
nach zwei lat.
Mss edieren.

Dieses "Gebet des Adam" wird im 15. Jh. von Nikolaus von
Cues in zwei Predigten
paraphrasiert (Sermo I, 4, 16.25; Sermo XX, 8, 10-13) und
im 16. Jh.
verarbeitet Reuchlin diese Geschichte in seiner "Arte
Cabalistica".
Diese beiden Angaben verdanke ich Prof. Wilhelm
Schmidt-Biggemann, der
darüber einen Artikel (Reuchlin-Tagung Pforzheim 2001, im
Druck)
geschrieben hat.

Zur Interpolation von Bollstadter: Die Seiten, die wir von
Ihnen erhalten
haben, beginnen mit S. 142, linke Kolumne, 1. Zeile, mitten
im
Einleitungskapitel des "Gebetes des Adam". Auffällig ist
die Ersetzung des Engels Raziel durch Raphael und die
Verwechslung von Seth mit Sem. Ansonsten stimmt der
deutsche Text
weitgehend, aber nicht immer wörtlich, mit dem lateinischen
überein.


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