Der uebele Gerhart - Schreiber und die Distanz

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Autor: Klaus Graf (klaus.graf@geschichte.uni-freiburg.de)
Datum: 06.01.2004 - 17:23 CET


Das neueste Heft der Zeitschrift "Das Mittelalter" widmet
sich dem Schreiber:

Inhaltsverzeichnis

 MARTIN J. SCHUBERT: Der Schreiber im Mittelalter.
Einleitung 3-8

 Auswahlbibliographie 9-11

 BARBARA FRANK-JOB: Zur Rolle des Schreibers in der
mittelalterlichen Romania 12-32

 MURIEL KASPER: Angebot und Nachfrage.
 Der mittelalterliche englische Schreiber auf dem Weg vom
Skriptorium zum bookshop 33-47

 HANS KIENHORST: "Nach der Lektüre das Buch bitte umgehend
zurückbringen".
 Über die merkwürdige Entstehungsgeschichte der
mittelniederländischen
 Sammelhandschrift Wiesbaden, Hessisches Hauptstaatsarchiv,
Hss.-Abt. 3004 B 10 48-73

 MARTIN BAISCH: Got lert den man daz er sy Mit truwen sinem
dienner by.
 Gabriel Sattler, der sprechende Schreiber 74-91

 JÜRGEN WOLF: Das "fürsorgliche" Skriptorium.
 Überlegungen zur literarhistorischen Relevanz von
Produktionsbedingungen 92-109

 CHRISTOPH FASBENDER: Werkstattschreiber. Aus Anlass der
jüngeren Forschung zur Handschriftenproduktion Diebold
Laubers 110-124

 MARTIN J. SCHUBERT: Versuch einer Typologie von
Schreibereingriffen 125-144

 KURT OTTO SEIDEL: Tres digiti scribunt totum corpusque
laborat.
 Kolophone als Quelle für das Selbstverständnis
mittelalterlicher Schreiber 145-156

 HILDEGARD ELISABETH KELLER: Kolophon im Herzen.
 Von beschrifteten Mönchen an den Rändern der Paläographie
157-182

Hinzuweisen ist in diesem Zusammenhang auch auf die 2003
erschienene CD-ROM von Sigrid Krämer: Scriptores codicum
medii aevi, die ich demnaechst hier anzuzeigen gedenke:
http://home.t-online.de/home/rauner/homepage.htm

Ich moechte hiert nur etwas naeher auf den Aufsatz von
Baisch (FU Berlin) eingehen, der sich mit der Abschrift des
fuer Johann Werner von Zimmern taetigen Pfullendorfer
Schreibers Gabriel Sattler/Lindenast im Wiener Cod. 2793
befasst, die diesem dem "Guoten Gerhart" (GG) des Rudolf
von Ems im letzten Drittel des 15. Jh. angedeihen liess.
John A. Asher hat diese eigenwillige Abschrift 1972 in der
FS Eggers unter dem amuesanten Titel "Der übele Gerhart"
gewürdigt.

Bei Baisch fragt man sich, wo nach ueber 30 Jahren post
Asher der Erkenntnisgewinn liegen soll, sieht man von
grossspurig formulierter postmoderner Theorie-Sauce ab, die
ueber Ashers Befunde gekippt wird. Die Abschrift des GG
offenbare, so Baisch S. 91, "einen spielerisch-skeptischen
Umgang mit der durch den Text gegebenen Tradition, der die
Präsenz des Schreibers auf besonderer Weise markiert.
Gabriel Sattlers Schreiben ist ein Sprechen, das den
Mehrwert von Sinn und Sprache wiederherstellt". Was der
letzte Satz zu bedeuten hat, bleibe dahingestellt (nicht
alles, was unverstaendlich klingt, ist eine geniale
Einsicht ...).

Gerade weil der Sattlersche GG offenbar einen singulaeren
Fall darstellt, waere eine Kontrolle der Deutung Ashers
verdienstvoll gewesen - eine Kontrolle, nicht eine blosse
Reproduktion! Dazu haette man zuallererst fragen muessen,
ob von den sieben bekannten Hss. Sattlers (Wien 2793, 2794,
2796, 2823, 3035, 3049 und BLB Karlsruhe DON Cod. 87) auch
andere diese "Entstellungen" aufweisen. Es waere also - und
sei es auch nur stichprobenhaft - philologische
Knochenarbeit zu leisten gewesen, wie sie Asher fuer den GG
vorgelegt hat. Insofern ist der Aufsatz von Baisch mehr als
enttaeuschend.

Zum Kontext verweist Baisch auch auf die Ueberlegungen
Strohschneiders zur historischen Distanz, die ich
weitergefuehrt habe in meinem Aufsatz "Ritterromantik"
(gedruckt 2003, siehe
http://archiv.twoday.net/stories/15745/), auch seit Jahren
online

http://www.geschichte.uni-freiburg.de/mertens/graf/elis.htm#t51

Zitat:
"Von den fürstlichen und hochadeligen Höfen, in denen
Literatur und kostbare Handschriften hauptsächlich ein
exklusives Standeskennzeichen sein mochten, führten
also Verbindungen zu den ganz wenigen bibliophilen
Adeligen, die bereits vor der breiteren Rezeption des
Humanismus im Adel hochgebildete
Literaturliebhaber und Büchersammler waren. Außer Püterich
und dem Manderscheider könnte man Johann Werner von Zimmern
nennen, für den der
Schreiber Gabriel Sattler mittelhochdeutsche Texte
abschreiben mußte, wobei, wie Johan A. Asher in einem
Aufsatz mit dem hübschen Titel "Der übele
Gerhart" dargelegt hat, die auffälligen Textentstellungen
anscheinend auf eine "gleichgültige und leicht spöttische
Einstellung zu den Texten, die er kopierte"
[Anm. 51] zurückgehen. Sattler konnte, wenn Ashers
Interpretation zutrifft, die Begeisterung seines
Auftraggebers für dieses alte Zeug offensichtlich nicht
nachvollziehen.

In solchen Kreisen nahm man nicht nur keinen Anstoß an der
historischen Distanz zur Welt der alten Texte - man liebte
sie gerade wegen ihrer
Altertümlichkeit und Dunkelheit, über die man sich
genußvoll den Kopf zerbrechen konnte. Im repräsentativ
ausgestatteten Straßburger Parzival-Druck von
1477 wurde der mittelhochdeutsche Text nicht modernisiert.
Er bewahre, meint Thomas Cramer, "die Würde des Alters auch
auf Kosten der Verständlichkeit
[...]. Mehr noch: die Altertümlichkeit der Sprache
unterstreicht den Charakter als Kultbuch, und die schwere
Zugänglichkeit erhöht die quasi-mythologische
Aura, die dem Auserwählten vorbehalten ist" [Anm. 52]. Die
alten Epen waren etwas für Kenner geworden. "Aber von der
leüt wegen die so+ellicher gereymter
bu+echer nicht genad haben, auch etlich die die kunst der
reymen nit aigentlich versteen kündent hab jch Vngenannt
dise Hystorj in die form gebracht", so
begründet der Prosaauflöser des Tristanromans, erschienen
1484 in Augsburg, sein Werk [Anm. 53]."

Wie wenig problembewusst man mit dem Phaenomen spaeter
Epenhandschriften noch heute umgeht, zeigt der Aufsatz von
Helmut Graser, Vom Mittelhochdeutschen zum
Frühneuhochdeutschen. Das Reimproblem in der Lindauer
'Iwein'-Handschrift, in: Forschungen zur deutschen
Literatur des Spätmittelalters. FS für Johannes Janota, hg.
von Horst Brunner/Werner Williams-Krapp, Tübingen 2003, S.
265-298, der die 1521 (in Augsburg?) fertiggestellte
Abschrift der Gießener Hs. B (1. Drittel 13. Jh.) im
Stadtarchiv Lindau P II 61, eine texttreue Kopie in
modernem sprachlichen Gewand, untersucht.

Es bleibt zu hoffen, dass die Altgermanistik und die
Handschriftenforschung sich kuenftig mehr und bessere
Gedanken darueber macht, was die Existenz vergleichsweise
sehr alter Texte im 15./16. Jh. fuer die Schreiber
bedeutete und wie sie mit dem Problem der historischen
Distanz und den dadurch gegebenen
Verstaendnisschwierigkeiten umgingen. Dazu muesste auf
breiterer Materialbasis als bisher argumentiert werden.

Klaus Graf


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