Staufertraditionen in Kloster Lorch

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Autor: Klaus Graf (graf@uni-koblenz.de)
Datum: 20.09.2002 - 00:11 CEST


Staufertraditionen in Kloster Lorch

Klaus Graf

Vortrag auf der Tagung "900 Jahre Kloster Lorch. Eine staufische
Gründung vom Aufbruch zur Reform", Lorch 14.9.2002

Die staufischen Gründer des Klosters Lorch waren nie vergessen. "Das
Stifter-Gedächtniß", schreibt August Lorent 1867, "wurde jährlich am
Tage des heil. Märtyrers Antonius [3. September] gefeiert. Am Vorabend
wurde das Innere der Kirche mit Teppichen behängt, vier Lichter im Chor
und ebensoviele um das Monument des Stifters angezündet. Nachts um 2 Uhr
läutete die Glocke zur Todten-Vesper, worauf die Mönche sich zum Gebet
und Gesang im Chor versammelten. Nach einer Rede des Abtes oder, wenn
dieser abwesend war, des Priors, stiegen alle zu dem Monument in der
Mitte der Kirche herab, stimmten dort noch einige Chorgesänge an,
während der Custos die Wolken der Räucherpfanne emporsteigen ließ und
die Gräber mit Weihwasser besprengte. Am Morgen wurde dann von dem Abt
in seinem größten Ornate die Seelenmesse gehalten und von ihm nebst den
Mönchen Privat-Messen gelesen. Mittags versammelte das Todtenmahl,
welches selten bei den Jahrestagen fehlte, die Conventualen mit den
Priestern des Dorfes und mit den von auswärts zu dieser Feier gekommenen
Geistlichen" (52).

Das feierliche jährliche Ritual des Totengedenkens, also die liturgische
Memoria, schuf die ewige Gegenwart der Stifter, solange das Kloster
bestand. Nach der Reformation sorgte dann der letzte katholische Abt,
Benedikt Rebstock, mit einer Stiftung an die Schwäbisch Gmünder
Priesterbruderschaft 1562 dafür, daß der Jahrtag der Staufer und aller
Angehörigen und Wohltäter des Klosters in der Stadtpfarrkirche der
benachbarten katholischen Reichsstadt weiter begangen wurde.

Das Stiftergedenken war der Ausgangspunkt und der Kern aller
Auseinandersetzung der Mönche mit der Geschichte der "claren fürsten",
wie die staufischen Gründer und Gönner in einer Urkunde von 1398 genannt
werden.

Meine Ausführungen gliedern sich in vier Abschnitte: der erste betrifft
die innerklösterliche Sphäre: Stiftermemoria und monastische
Erinnerungskultur; der zweite zur Staufer-Renaissance wirft einen Blick
auf die Wahrnehmung der Lorcher Staufer-Reminiszenzen von außen. Im
dritten Teil geht es um neuzeitliche Kulturgutverluste und
Codex-Phantasien, und der vierte soll das Kloster als nationalen
Erinnerungsort seit der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts in den Blick
nehmen.

1. Stiftermemoria und monastische Erinnerungskultur

Das Stiftergedenken beschränkte sich nicht auf den Jahrtag und den
innerklösterlichen Bereich. In der Klosterkirche hingen Stiftertafeln,
eine lateinische Fassung in leoninischen Versen und eine deutsche in
Reimpaaren, die einen knappen Abriß der staufischen Genealogie boten.
Daß es auch eine deutsche Version gab, deutet darauf hin, daß man auch
die Laienöffentlichkeit erreichen wollte, also einen Personenkreis, der
dem Kloster verbunden war oder der ihm einen Besuch abstattete. Die
älteste Überlieferung der lateinischen Stiftertafel findet sich in einer
Zürcher Stadtchronik, die 1462 datiert ist. Ausschlaggebend für die
Abschrift war ein reichsgeschichtlich motiviertes Interesse an den
Staufern, die hier, wie im 15. und 16. Jahrhundert allgemein üblich,
nicht als Staufer, sondern als Herzöge von Schwaben bezeichnet werden.

Das Zeugnis von 1462 läßt darauf schließen, daß diese Stiftertafeln -
auf jeden Fall aber die lateinischen Verse - bereits vor der Reform des
Klosters im Jahr 1462 existierten. Für eine nähere Datierung gibt es
keine Anhaltspunkte. Es spricht somit nichts dafür, daß die Texte von
reformgesinnten Mönchen verfertigt wurden - eine Warnung vor einer allzu
kurzschlüssigen Verbindung von Ordensreform und historischer Betätigung.

Ich zitiere aus dem deutschen Gedicht in der Abschrift des Augsburger
Benediktiners Leonhard Wagner (u+o ist o über u usw.):

"Dis stat zu+o Lorch bey der stifter grab

Wilt du eben wollen verstan
und unser stifter namen han
die bey uns ain grab gemain
bedecken thu+ot ir aller bain
durch lesen nymme sunderbar
der nachgeschriben verslin war
von fursten send sy hochgeborn
ain grab bey uns in auserkorn
auß denen der erst ru+oen tu+ot
von Schwaben hertzog Fridrich gu+ot
dem ru+owet sein gemachel bey"

Es werden nun die in Lorch begrabenen Familienmitglieder aufgezählt. Der
Text schließt:

"Wer liset dise verslin fein
der sprech got wol in gnadig sein
und in geben das ewig liecht
mit dem sy in sechen on verdries. Amen"

Die Tafel rief also zum Gebet für die in Lorch bestatteten Staufer auf,
sie verband historische Unterrichtung und Memoria.

Was aber die späteren Zeugnisse angeht, so ist die gerade angedeutete
Skepsis hinsichtlich des Zusammenhangs der Reform und des klösterlichen
Geschichtsbewußtseins ganz und gar nicht angebracht. Klaus Schreiner hat
die Hinwendung der reformierten Klöster zur eigenen Geschichte sehr
griffig auf die Formel "Erneuerung durch Erinnerung" gebracht. 1475 ließ
Abt Nikolaus aus der Familie Schenk von Arberg die Gräber im Chor der
Kirche öffnen. Ein Göppinger Bildhauer schuf damals die prachtvolle
Tumba im Langhaus. Ein kurzer Bericht über die Gräberöffnung ist
überliefert, und eine bei einer erneuten Öffnung um 1600 aufgefundene
Bleitafel, von der Martin Crusius Kenntnis gibt, verewigte die Aktion,
nicht ohne zu erwähnen, daß sie im dreizehnten Jahr der Observanz
erfolgte. Die beiden Dimensionen der Erinnerungskultur, retrospektive
Überlieferungssicherung, also das Stiftergedenken, und die prospektive
Überlieferungsbildung, die an künftige Generationen adressiert ist, sind
in der Inschrift der Bleitafel aufeinander bezogen.

Wenige Jahre später übernahm ein aus Gmünd stammender Mönch, Augustin
Seiz, das Amt des Custos. In den Jahren um 1500 hat er sich um die
Schriftlichkeit, um Überlieferungssicherung und Überlieferungsbildung
seiner Abtei wie kein anderer verdient gemacht. Er schrieb das
sogenannte "Rote Buch", das berühmt-berüchtigte Kopialbuch, das im
Zweiten Weltkrieg stark beschädigt wurde. Vier Hauptfunktionen dieses
Bandes lassen sich ausmachen: 1. Rechtssicherung durch
Urkundenüberlieferung mit Schwerpunkt auf dem geistlichen Bereich,
insbesondere den Patronatsrechten; 2. Dokumentation des spirituellen
Schatzes des Klosters in Form von Reliquien- und Ablaßverzeichnissen; 3.
Pflege der liturgischen Memoria durch Anlage eines Nekrologs und eines
Anniversars, also Jahrtagverzeichnisses sowie 4. Geschichtsschreibung.
Diese historiographischen Texte, im Verhältnis zum Gesamtinhalt eher
kurz, zielten sowohl auf den Beginn der Reform als auch auf die
Gründungzeit des Klosters ab, die Zwischenzeit, im Verständnis des
reformgesinnten Konventualen offenkundig eine Zeit des Niedergangs,
wurde ignoriert.

Besonders hervorheben möchte ich zwei Punkte. Zum einen, daß Augustin
Seiz Kontakte zum Bursfelder Kloster Hirsau besaß, das zur gleichen Zeit
ein Zentrum der gelehrten Beschäftigung mit der eigenen Kloster- und
Ordensgeschichte war. Erinnert sei nur an die Hirsauer Chroniken des
Johannes Trithemius und die Anlage des "Codex Hirsaugiensis". Ich habe
ja für die historisch-antiquarischen Forschungen vor allem in den
benediktinischen Klöstern jener Zeit, Bestrebungen, die vom gängigen
Etikett des "Klosterhumanismus" nicht wirklich adäquat erfaßt werden,
den Begriff "monastischer Historismus" in Vorschlag gebracht.

Der zweite Punkt: Einen weiteren wichtigen Einfluß auf die
bemerkenswerte Schreibtätigkeit, die Seiz als Archivar und Bibliothekar
seiner Abtei qualifiziert, sehe ich durch die Person des von 1501 bis
1520 in Lorch wirkenden gelehrten Pfarrers Thomas Köllin gegeben. Auf
ihn geht wohl die Gottesdienstordnung der Pfarrei Lorch von 1508 zurück.
Bereits in seiner Zeit als Rektor der Universität Wittenberg kann er als
Förderer der Verwaltungsschriftlichkeit angesehen werden. Die Mönche und
die Weltpriester im Dorf haben sich damals gut verstanden, denn in einem
Visitationsrezeß von 1508 wird beanstandet, daß der Abt zuviel Ausgang
in den Ort erteilt und "daß die Mönche mit Erlaubnis der Vorgesetzten
für die Weltpriester im Orte zelebrieren, darnach mit ihnen zu Tische
sitzen, und bei ihnen bis zum Abend verbleiben" (Albert Dirr, Die
Reichsabtei Elchingen von der Mitte des 15. bis zur Mitte des 16.
Jahrhunderts, München 1926, 32).

Dem ersten Abt Harbert wurde um 1500 ein Gedenkstein gewidmet, dessen
Inschrift mit der archaisierenden Schriftform der frühhumanistischen
Kapitalis den Rückgriff auf die Stauferzeit auch augenfällig machte. Daß
auch in den Lorcher Chorbüchern eine Staufertradition vorliegt, hat
Felix Heinzer so überzeugend dargelegt, daß ich mir hier alle weiteren
Ausführungen dazu ersparen darf.

Im Zuge von Neubaumaßnahmen um 1530 wurden dann die Stauferbilder an den
Pfeilern der Klosterkirche geschaffen. Hier steht unverkennbar der
humanistische Stauferenthusiasmus im Vordergrund. Dies gilt insbesondere
für die Darstellung der Hinrichtung Konradins mit einer sogenannten
"welschen Richtfalle". Eine detaillierte Studie zu diesen Zeugnissen
steht noch aus. Neben einigen Beschreibungen der wiederholt übermalten
und restaurierten Bilder sind vor allem die von diesen Darstellungen
inspirierten Illustrationen in den Stauferchroniken des
württembergischen "Historicus" David Wolleber zu beachten, die wiederum
Vorbilder für Illustrationen in Gmünder Stadtchroniken gewesen sind. Ein
illustriertes Wolleber-Autograph, eine Stauferchronik von 1581, befindet
sich übrigens in Gotha.

2. Die Staufer-Renaissance

Nicht nur in Zürich interessierte man sich seit der zweiten Hälfte des
15. Jahrhunderts für das, was in Kloster Lorch an Texten über die
letzten Herzöge von Schwaben zu finden war. Eine weitere Überlieferung
der lateinischen Stiftertafel ist in einer in Kempten nach 1476
entstandenen historiographischen Sammelhandschrift enthalten, die heute
in Lindau liegt. Der unbestrittene Mittelpunkt des neu aufflammenden
Interesses an Geschichte und Genealogie der Staufer aber war Augsburg.

Um 1473 erschien in der Klosterpresse der Abtei St. Ulrich und Afra ein
bemerkenswerter Druck, die "Hystoria Friderici", ein
staufergeschichtlich orientierter Teildruck der Chronik des Burchard von
Ursberg, der außerordentlich breit rezipiert wurde. Ein Vorspann führt
knapp in die staufische Genealogie ein und gibt dabei den Text der am
Stiftergrab angebrachten lateinischen Stiftertafel wieder. Bei der
Auflistung der Lorcher Reliquien beruft der Verfasser sich auf
Augenzeugenschaft, der Text ist also wohl nicht in Lorch selbst
entstanden. Der Augsburger Berufsschreiber Konrad Bollstatter fußte in
einer Sammelhandschrift 1481 auf dieser Vorlage, konnte aber darüber
hinaus auf weiteres Material aus Lorch zurückgreifen. Da eine anonym in
Dresden überlieferte deutsche Übersetzung des Burchard von Ursberg mit
der Redaktion Bollstatters beginnt, sehe ich in ihm den Übersetzer,
obwohl es sich bei der Dresdener Handschrift nicht um ein Autograph
Bollstatters handelt, sondern um eine um 1500 oder später entstandene
Abschrift.

Die historisch besonders bewanderten Augsburger Benediktiner haben dafür
gesorgt, daß weitere Lorcher Texte erhalten blieben. 1489 kopierte der
Chronist Wilhelm Wittwer eine Afra-Legende aus einem alten Codex, und
der berühmte Schreibmeister Leonhard Wagner, an den Lorcher Chorbüchern
beteiligt, brachte aus Lorch einige staufergeschichtliche Texte mit, die
er in eine heute Augsburger Handschrift eintrug.

Die in vielen Zeugnissen faßbare Faszination, die im Humanismus von den
Staufern ausging, speiste sich im deutschen Südwesten im wesentlichen
aus zwei Quellen. Das war zum einen der humanistische
Gentilpatriotismus, der auf die Zugehörigkeit zum Land Schwaben und zur
"gens Suevorum" bezogene Stolz auf das eigene gentile Herkommen. Zum
anderen aber sah man in den Staufern die glanzvolle nationale
Herrscherdynastie, durch die das hochmittelalterliche Reich zu einer
nicht mehr erreichten Machtfülle gelangte.

Typisch für die humanistische Stauferbegeisterung, der Rückgriff auf die
staufische Geschichte, ist ein lateinisches Gedicht des Tübinger Poeten
und Humanisten Heinrich Bebel, das die Lorcher Mönche in ihrer Kirche
als Ergänzung der lateinischen Stiftertafel anbrachten. Es wird auch in
der Chronik des Blaubeurener Abts Christian Tubingius überliefert. Mehr
als hundert Jahre hat das schwäbische Herzogshaus, erfährt man aus den
pathetischen Versen, das römische und deutsche Reich regiert. Gallien
und Italien fürchteten die Könige aus diesem Geschlecht als ihre Herren,
und auch der grimmige Türke wich vor ihnen zurück. Sogar Jerusalem
konnte "unseren" (also den deutschen) Titeln hinzugefügt werden. Durch
ihre Triumphe erstrahlte das mächtige Europa, Asiens Gefilde mußten sich
ihrer Macht beugen. Bebels Berufung auf Europa ist vor dem
zeitgenössischen Hintergrund der Türkenkriege zu sehen. Die imperiale
Größe der Stauferzeit wird als leuchtendes Gegenbild zur eigenen
Gegenwart in Szene gesetzt.

Die Lorcher Mönche praktizierten so etwas wie Pluralismus und
pietätvolle Traditionspflege, als sie Bebels sprachlich elegantere
Version der in veralteteten Leoninern verfaßten Stiftertafel, ein
zweites Gedicht, neben dieser anbringen ließen, statt die Stiftertafel
ganz durch die modischen Verse zu ersetzen.

Für die Humanisten war das Kloster an der Rems wohl bereits in Ansätzen
eine staufergeschichtliche Pilgerstätte, ein Erinnerungsort, von dem sie
sich das Auffinden alter handschriftlichen Quellen versprachen.

Aber gab es solche Quellen überhaupt?

3. Neuzeitliche Kulturgutverluste und Codex-Phantasien

Die kulturellen Verwüstungen der Säkularisation im Zuge der Reformation
des 16. Jahrhunderts haben in Deutschland, anders als in England, das
Aufkommen antiquarischer Studien offenkundig nicht wesentlich
beeinflußt. Eine interdisziplinäre Geschichte des Kulturguts, das die
Bewahrung und den Verlust geschriebener und materieller Zeugnisse im
Rahmen der Geschichte der vormodernen Erinnerungskultur behandelt, ist
noch nicht geschrieben. Aber gerade bei der Aufarbeitung der Lorcher
Staufer-Überlieferungen konnte festgestellt werden, daß historische
Traditionsbildung und der Bewertungsprozeß der Kulturgutbewahrung eng
korreliert sind. Bis heute kann eine Geschichte des Kulturguts nicht als
Erfolgsgeschichte präsentiert werden, sondern muß die Kategorie des
Verlusts in den Mittelpunkt rücken. Zugleich gilt es natürlich verstärkt
auf zeitgenössische Reflexionen zu achten, in denen
Überlieferungsverluste thematisiert wurden.

Wie Überlieferungsverlust und Überlieferungssicherung aufeinander
bezogen waren, dafür gibt wohl schon die Tätigkeit des Bruders Augustin
Seiz ein Exempel ab. Die Gründungsgeschichte des Roten Buchs entnahm er
einer hochmittelalterlichen Bibelhandschrift, andere Texte schrieb er
aus weiteren heute nicht mehr vorhandenen Codices ab. Aus anderen
reformierten Klöstern dieser Zeit ist bekannt, daß es im Zuge der Blüte
des Bibliotheksaufbaus zu größeren Makulierungsaktionen älterer
Handschriften kam. Man brauchte Platz für die neue Literatur und opferte
Altes, insbesondere nicht mehr benötigte Liturgica. Hat Seiz womöglich
seine hochmittelalterlichen Vorlagen nach Abschriftnahme ebenso
behandelt? Von den alten Totenbüchern übernahm er bei der Neuordnung des
klösterlichen Memorialwesens in das Rote Buch nur eine dürre Liste von
Adelsfamilien.

Nicht vergleichbar mit diesen Verlusten ist das, was der Abtei in der
Reformationszeit widerfuhr. Der ganze Reichtum an mittelalterlichen
Bildern und Altären, an kostbaren Kirchengeräten, Paramenten und
Reliquienbehältern, wie ihn das Rote Buch bezeugt, ist unwiederbringlich
entschwunden. Keine einzige hochmittelalterliche Handschrift ist
anscheinend aus Lorch erhalten, und von der Klosterbibliothek, die
allerdings bereits im Bauernkrieg 1525 in Mitleidenschaft gezogen wurde,
sind überhaupt nur ganz wenige Handschriften und ein paar Inkunabeln
überliefert.

Daß Gegenstände mit hohem Metallwert ungeachtet ihres Charakters als
Staufer-Reminiszenzen hochgradig gefährdet waren, dem Verwertungseifer
lokaler Autoritäten zum Opfer zu fallen, demonstriert der Fall eines
silbernen Reliquienschreines, der sicher mit der Gemahlin König Philipps
von Schwaben, Irene, in Verbindung zu bringen ist. Die griechische
Inschrift, die er trug, ist in zwei Quellen von 1518 und 1537 bezeugt.
Der Humanist Johannes Reuchlin - er weilte nachweislich 1512 auf
Handschriftensuche in Lorch - gab ihr eine lateinische Versübersetzung
bei. Als der württembergische Gelehrte Martin Crusius nach
Lebenszeugnissen von Irene suchte, war das als Reliquiar auch
konfessionell anstößige Stück wohl längst eingeschmolzen.

Martin Crusius hat sich außerordentlich intensiv um die Überlieferung
der Abtei bemüht. Er hat ausführliche Auszüge aus dem Roten Buch
angefertigt, die Gerhard Lubich und mir, als wir uns mit dem Roten Buch
beschäftigten, entgangen sind und die erst durch den Katalog der
Tübinger lateinischen Handschriften bekannt geworden sind. Dagegen ist
durch die Forschungen von Wolfgang Seiffer eine andere Quelle von
Crusius ausgezeichnet aufgearbeitet, nämlich die im Jahr 1550 von dem
Gmünder Stadtpfarrer und ehemaligen Lorcher Konventualen Jakob Spindler
verfaßte kurze lateinische Abhandlung über die Genealogie der Staufer,
mit der er dem Vergessen der Lorcher Stifterfamilie entgegenwirken
wollte. Diese handschriftlich überlieferte Ausarbeitung lag ebenfalls
dem bereits genannten David Wolleber vor.

Crusius, beseelt von schwäbischem Patriotismus, hat in seinen "Annales
Suevici" die Lorcher Quellen so ausführlich zu Wort kommen lassen, daß
er damit die eigenständige Quellenforschung in der frühen Neuzeit zum
Erliegen gebracht hat.

Um so wilder wucherten die Spekulationen über alte Lorcher Quellen, die
das eigene Kompilationswissen oder die eigenen Fiktionen beglaubigten
sollten. Da ist Froben Christoph von Zimmern, der Verfasser der
berühmten Zimmernchronik, der von einem verlorenen
staufergeschichtlichen Werk eines angeblichen Lorcher Mönchs Gregor von
Lustnau wissen will - offenbar eine Erfindung. Und da ist der Literat
Jakob Frischlin, der sich in einer 1612 gedruckten Komödie auf eine
offenbar fingierte Chronik eines Lorcher Mönchs und bei seiner
Beschreibung der Hochzeit Herzog Ulrichs ebenfalls auf einen Frater
Janus von Lorch beruft. Im 17. und 18. Jahrhundert zitierten
württembergische Historiographen ein altes Manuskript, verfaßt von einem
Lorcher Prior, das sich im Besitz des Generals von Holtz befunden haben
soll. Dieser ominöse Codex Holtz stammte wahrscheinlich von David
Wolleber und ist somit sicher keine alte Quelle. Solche
Quellenberufungen reagieren, denke ich, auf den eingetretenen
Überlieferungsverlust, sie versuchen ihn zu bewältigen, indem sie die
wundersame Quellenrettung inszenieren.

Immer wieder haben seit der Antike Textfälscher ein altes Manuskript als
Quelle vorgegeben, haben Literaten mit diesem Motiv gespielt. Ich nenne
diese diskursive Praxis Codex-Phantasien, um das spielerische Moment zu
betonen, in dem sich fiktionale Erzählwelt und historiographisches
Erzählen begegnen.

Ihren Höhepunkt aber erlebten die Lorcher Codex-Phantasien im 20.
Jahrhundert, als Jahrzehnte der verschmorte Klumpen des Roten Buches für
unrettbar verloren galt. Pünktlich zur großen Stauferausstellung 1977
präsentierte der Landeshistoriker Hansmartin Decker-Hauff sensationelle
Exzerpte aus dem Roten Buch zur frühen Staufergeschichte, die von der
etablierten landesgeschichtlichen Forschung bis vor wenigen Jahren nie
offiziell angezweifelt wurden. Im Gegenteil: Heinz Bühler und Gerd
Wunder haben die genealogischen Aufstellungen von Decker-Hauff und seine
Quellenfunde begeistert rezipiert. Gerhard Lubich und ich konnten aber
durch eine detaillierte Untersuchung des restaurierten Roten Buches
nachweisen, daß die von Decker-Hauff zitierten Texte nie dort gestanden
haben können. Ebensowenig konnten alle Angaben über weitere wichtige
alte Lorcher Quellen, etwa zum Codex Holtz, und ihre angebliche
Benutzung durch Historiker an zugänglichen Dokumenten überprüft,
geschweige denn Exzerpte aus dem Roten Buch im Nachlaß von Decker-Hauff
ausfindig gemacht werden. Die von Decker-Hauff gefälschten Texte lassen
sich als Belege seiner spekulativen genealogischen Aufstellungen
verstehen. So kann beispielsweise gezeigt werden, daß er eine Quelle,
das Kinderverzeichnis der Agnes, wohl anders verfaßt hätte, wäre ihm
nicht eine in Michaelstein im Harz entdeckte Inschrift auf einer
Bleitafel zur Quedlinburger Äbtissin Beatrix, die Decker-Hauff mit
seiner Quellen-Inventio als Stauferin dokumentieren wollte, entgangen.

Die aufregenden neuen Erkenntnisse müssen einer nüchternen
Betrachtungsweise weichen, die sich erneut auf das besinnt, was
verbürgte hochmittelalterliche Quellen über die Staufergenealogie
auszusagen vermögen. Die authentischen Lorcher Texte sind dabei leider
nur sehr begrenzt hilfreich. Das wilde Denken, die kühne genealogische
Bricolage muß sich aus der Wissenschaft verabschieden, die frühen
Staufer sind wieder entsetzlich langweilig geworden.

4. Nationaler Erinnerungsort

Nationale Erinnerungsorte sind, das mehrbändige deutsche Buchprojekt,
das an die französischen Aufarbeitung der "lieux de mémoire" unter
Pierre Nora anknüpft, unterstreicht das auf beinahe jeder Seite,
Kristallisationspunkte nationaler Geschichte und Identität. Zwar galten
die humanistischen Besuche in Lorch bereits einem staufergeschichtlichen
Erinnerungsort, aber erst der nationale Diskurs des 18. Jahrhunderts
schuf die Voraussetzungen, Lorch als Wallfahrtsstätte, die bei deutschen
Patrioten heftige Emotionen freizusetzen in der Lage war, zu etablieren.

Bereits vor 1800, also vor der Romantik, wurde man auf Lorch in
besonderer Weise aufmerksam. Schillers Freund Carl Philipp Conz, den man
der "Vorromantik" zugeordnet hat, nennt im Vorwort seines 1782 anonym
erschienen Konradin-Dramas zwar seinen Geburtsort nicht mit Namen, aber
es ist klar, daß er die Lorcher Klosterkirche meint, wenn er schreibt:
"Und wie oft hab ich nicht gestanden an Euren Bildnissen, noch als Knabe
- o der wehmüthigfrohen Erinnerung! Da ich noch nicht wußte, wer die
Männer wären mit den ehrwürdigen Bärten und den Kraftgesichtern und
Gluthbliken in den langen Röken mit den weiten Falten: - Und doch
flößtet Ihr mir so heilige Ehrfurcht ein. Damals wars auch, daß in eben
Eurem Reihen der blühende Jüngling mit dem traurigen Auge, und ob ihm
die Vorstellung seiner grausamen Hinrichtung, meine Aufmerksamkeit auf
sich zog: Ich hörte seine Geschichte, las sie, und schwurs leise, Ihm
ein Denkmal zu errichten". Nationaler und Stammes-Diskurs - wenig
später, um 1800 wird der Stammesbegriff virulent werden - verbinden sich
in diesem Text, denn Conz wendet sich an die Staufer als Söhne Schwabens
mit dem Stolz, daß er ein Schwabe ist.

Noch am Ende des 18. Jahrhunderts kam es zu einer denkwürdigen
Inventarisierung, die 1790 der Kirchenratsdirektor Hochstetter im
herzoglich-württembergischen Auftrag vornahm und die den Denkmälern des
Klosters Lorch galt. Die in der Landesbibliothek befindliche
Handschrift, eine akribische zeichnerische Fleißarbeit, ist ein
wichtiges Zeugnis des frühen Denkmalgedankens, sie vergleicht die
bessere Erhaltung der staufischen Denkmäler - er nennt sie "kostbarste
Alterthümer" - in Sizilien "als dem angeblichen Land der Banditen" mit
den desolaten deutschen Verhältnissen. Die Kirche schreibt er, wurde
gereinigt und verschlossen, "um die noch der Wuth der Menschen und dem
Zahn der Zeiten entgangenen Monumenten mit möglichster Sorgfalt zu
erhalten" (Strobel, Vorzeit, in: Beiträge zur Denkmalkunde, 1991, 21).
Viel genutzt hat es nicht, denn wenige Jahre später, 1804, klagte der
Autor Heinrich Prescher, Pfarrer zu Gschwend, in der ersten
ausführlichen Klosterbeschreibung über Vernachlässigung des Bauwerks:
"Der Zustand dieser kaiserlichen Stiftungskirche hingegen predigt
dermalen dem offenen Auge und dem fühlenden Herzen sehr kräftig die
Vergänglichkeit aller menschlichen Dinge" (Kissling 212). In der
National-Chronik der Teutschen sah ihr Herausgeber Johann Gottfried Pahl
im Kloster Lorch "eine ehrwürdige Ruine aus dem Heldenzeitalter der
teutschen Nation", und er empfahl zu den "heiligen Hallen" von Lorch zu
wallfahren, einem tröstlichen Denkmal für die "hohe Gesinnung,
Teutschheit und Tapferkeit" der schwäbischen Friedriche (Schreiner, Die
Zeit der Staufer 3, 1977, 317). Die ersehnte nationale Wiedergeburt in
der Zeit napoleonischer Fremdherrschaft und der Befreiungskriege sahen
Pahl und andere Patrioten seiner Zeit in der deutschen Geschichte des
Mittelalters präfiguriert.

In seiner Zeitschrift "Herda" - mein eigenes Exemplar stammt aus der
zerstückelten Hofbibliothek Donaueschingen - publizierte Pahl 1814 dann
auch einen Aufsatz "Die Wallfahrt nach Hohenstaufen", in dem Lorch
ausführlich berücksichtigt wird. "Man wird mit Ehrfurcht erfüllt",
schreibt Pahl, "wenn man, beym Eintritt in dieses Heiligthum, sich
erinnert, daß man hier über der Asche der Stammsverwandten des ersten
und zweyten Friedrichs wandle; aber die Bemerkung, wie verlassen dieses
Heiligthum sey, und wie jeder Tag es seinem Verfalle näher bringe,
mischt tiefe Wehmut in jene Empfindung" (181f.).

In dem 1812 begonnenen Romanfragment "Die Kronenwächter" des Berliner
Romantikers Achim von Arnim spielt Lorch - ohne daß der Autor vor der
Niederschrift den Ort besucht hätte - eine bedeutsame Rolle. Die
Kronenwächter sind ein Geheimbund, der die Nachkommen der Staufer
beschützt. Berthold, einer dieser Kronenwächter, begibt sich nach Lorch
"in die gewölbten Grabhallen, wo die Hohenstaufen unter einfachen
gehauenen Grabsteinen ruhten" und sinkt dort, seinem sehnlichsten Wunsch
entsprechend, von einem Blitz getroffen auf dem Grab des Stammvaters der
Hohenstaufen nieder.

Im württembergischen Raum machte sich die Staufer-Begeisterung des 19.
Jahrhundert vor allem am Bergkegel des Hohenstaufen fest, der ja auch
für ein Nationaldenkmal vorgesehen war. Doch da Lorch ganz in der Nähe
lag und als stimmungsvoll-romantische Grabstätte der Staufer die Herzen
der Patrioten höher schlagen ließ, partizipierte es am Rang des
Hohenstaufens als nationaler Erinnerungsort. Als Joseph Ernst Bandel,
der den Bau des Hermannsdenkmal bei Detmold betrieb, 1843 am
Hohenstaufen vorbeikam, besuchte er auch Lorch, wo des "Deutschen
Dankgebet an der heiligen Stelle", wie er schreibt, "kein sichtliches
Zeichen" hinterläßt (Schreiner, Die Zeit der Staufer 5, 1979, 549). Aus
Bandels Plan eines nationalen Denkmals in Lorch ist aber nichts
geworden.

Von der höchst lebhaften Staufer-Rezeption des 19. Jahrhunderts, die
schon vor der Reichsgründung von 1870 medial breit aufgefächert
stattfand, profitierten auch die Lorcher Baulichkeiten. Um 1880 erfolgte
eine tief in den Bestand eingreifende Restaurierung, der eine
Bestandssicherung in den 1830er Jahren vorangegangen war. 1898 wurde in
der Klosterkirche das Irenendenkmal eingeweiht. Das Schicksal der
byzantinischen Prinzessin bewegte empfindsame Gemüter. So heißt es in
einer Reisebeschreibung von 1835: "Hier liegt die durch Schönheit und
Bildung berühmte Kaiserin Irene -, welche Schauer erregende Gefühle
ergreifen dann nicht mächtig die Brust!" (900 Jahre, 82). Um 1830 hatte
man einen Ring - vielleicht gehörte er einem Abt des 15. Jahrhunderts -
ausgegraben, den man als Irenenring wenig später dem württembergischen
Königshaus dedizierte. "Kopien, bis heute gefertigt", schreibt Hermann
Kissling in seiner maßgeblichen Kunstgeschichte des Klosters, "gehören
zu den liebgewonnenen und begehrten Preziosen Lorcher und Gmünder Frauen
und Mädchen" (181).

Um noch ein letztes Schlaglicht auf die Rezeptions- und
Wahrnehmungsgeschichte Lorchs im 20. Jahrhundert zu werfen:
Faschistischer Mißbrauch der Geschichte machte sich auch dieses Denkmal
dienstbar. 1937 wollte man Lorch zu einer Staufergedenkstätte machen,
und die SS inszenierte eine pathetische Feierstunde, in der Oberführer
von Alvensleben verkündete: "Wer aber heute die weihevolle Grablege
betritt, wird ergriffen und bewegt [...] vom wehenden Willensodem
unserer großen Kaiser und Könige [...]. Wir wissen, daß Deutsches in der
Welt sein muß und im Süden u n d Osten wie ehemals eine Mission hat"
(Kissling 220).

Damit bin ich am Schluß angelangt. Viel zu wenig hat sich die bisherige
Forschung gleich welcher disziplinärer Provenienz um den Zusammenhang
von historischer Traditionsbildung und der Dialektik von Verlust und
Rettung gekümmert. Ein aufgehobenes altes Kloster und noch dazu ein
Erinnerungsort vom Range Lorchs ist aber, hoffe ich gezeigt zu haben,
ein hervorragender Ausgangspunkt für quellennahe Überlegungen zur
Geschichte der Erinnerungskultur und jener in Texten verschriftlichten
und in Gegenständen und Bauten verkörperten Werte, die früher Altertümer
hießen und die wir heute Kulturgut oder Denkmäler nennen.

***

Literaturauswahl:

Wolfgang Seiffer, Jakob Spindler, Stadtpfarrer zu Gmünd, und die
Geschichtsforschung über Kloster Lorch und die Staufer im 16.
Jahrhundert, Diss. Tübingen 1969

Lorch. Beiträge zur Geschichte von Stadt und Kloster. Heimatbuch der
Stadt Lorch Bd. 1, Lorch 1990

Klaus Graf, Staufer-Überlieferungen aus Kloster Lorch, in: Von Schwaben
bis Jerusalem. Facetten staufischer Geschichte, hrsg. von Sönke Lorenz
und Ulrich Schmidt, Sigmaringen 1995, S. 209-240
Zusammenfassung und wichtige Nachtraege:
http://www.uni-koblenz.de/~graf/gdabst.htm#ost

Magazin 900 Kloster Lorch, Stuttgart 2002

Empfehlenswerte Internetpraesentation der Schloesserverwaltung zum
Kloster Lorch (mit zahlreichen Bildern):
http://www.schloesser-magazin.de/lo/loth.htm

Bebels zwei Staufergedichte in den Opera Bebeliana sequentia von 1509
(Faksimilebeginn, CAMENA)
http://www.uni-mannheim.de/mateo/camena/bebel2/jpg/bebel105.jpg

Uebersetzung der sog. Stiftungsurkunde von 1102
http://www.kargi.de/kloster_lorch.htm

Abbildung einer Kopie des sog. Irene-Rings
http://www.schloesser-magazin.de/image/lo/lo26.jpg

E-Text der Kronenwaechter von Arnims (Lorcher Stelle)
http://gutenberg.spiegel.de/arnim/kronen/kronen37.htm


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