Der "Oberrheinische Revolutionaer" (um 1500)

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Autor: Klaus Graf (graf@uni-koblenz.de)
Datum: 23.01.2002 - 04:05 CET


Vor allem im ersten Jahrzehnt des 16. Jahrhunderts ist eine
faszinierende deutschsprachige Reformschrift entstanden, das "buchli der
hundert capiteln", besser bekannt unter dem Titel, den ihr Herman Haupt
1893 verlieh: "Oberrheinischer Revolutionär" - vgl. Herman Haupt, Ein
Oberrheinischer Revolutionär aus dem Zeitalter Kaiser Maximilians I.,
in: Westdeutsche Zs. für Geschichte und Kunst. Erg.H. 8 (1893), S.
79-228. Das Werk liegt nur in einer einzigen Handschrift vor, Colmar,
Stadtbibliothek, Ms. 438 (50). Gemeinsam mit zwei Inkunabeln und einem
handschriftlichen astrologischen Traktat stellt der Codex eine offenbar
autornahe Sammlung dar. Das "buchli", für das eine zeitgenössische
Rezeption außerhalb der Benutzungsspuren der Handschrift nicht bekannt
ist, dürfte 1509/10 abgeschlossen worden sein.

Haupt gab nur wenige Auszüge. Eine in der DDR 1967 erstellte Ausgabe muß
als völlig mißglückt betrachtet werden: Annelore Franke/Gerhard
Zschäbitz, Das Buch der hundert Kapitel und der vierzig Statuten des
sogenannten Oberrheinischen Revolutionärs, Berlin 1967, S. 163-533. In
den nächsten Jahren ist von Klaus H. Lauterbach eine im Manuskript
bereits abgeschlossene Neuedition im Rahmen der MGH Staatsschriften des
späteren Mittelalters zu erwarten. Lauterbach ist bestens ausgewiesen,
hat er doch das Werk des Oberrheinischen Anonymus monographisch
behandelt in seiner Freiburger Dissertation: Geschichtsverständnis,
Zeitdidaxe und Reformgedanke an der Wende zum sechzehnten Jahrhundert.
Das oberrheinische "Buchli der hundert capiteln" im Kontext des
spätmittelalterlichen Reformbiblizismus, Freiburg/München 1985
["Diss."].

Ich habe diese Studie in der Zeitschrift für die Geschichte des
Oberrheins 135 (1987), S. 483f. rezensiert. Zweifel hatte ich damals
schon angemeldet an der von Lauterbach "mit ziemlicher Sicherheit" (S.
289) vorgenommenen Identifizierung des Verfassers mit Mathias Wurm von
Geudertheim, Sekretär Friedrichs III. und Maximilians I. "Gut
herausgearbeitet ist", schrieb ich, "die Bedeutung der biblischen
Stiftung von Religion, Sprache und Recht der Deutschen und ihre
Entfaltung in einer "Geschichtsrhythmik von Gottesnähe und Gottesferne,
Gesetzestreue und Gesetzesvergessenheit" (S. 162), die der Text in
seinen historischen Exempla zur Sprache bringt. Auffällig ist die
Verschränkung von Recht und Geschichte im Werk des Oberrheiners (S. 142,
178, 226), den man somit auch als "Rechtshistoriker" bezeichnen könnte".

Nun ist Lauterbach auf die rechtsgeschichtlichen Aspekte in einem neuen
Aufsatz eingegangen: Sendgericht, Missat und Feme im Werk des
sogenannten "Oberrheinischen Revolutionärs". Mit einem Anhang zum
Loskauf Gefangener, Zs. der Savigny-Stiftung für Rechtsgeschichte GA 118
(2001), S. 185-221.

Der Oberrheiner, der Missat, Send und Feme als ursprungsverwandte
Phänomene ansieht, wollte diese Formen geistlicher und weltlicher
Gerichtsbarkeit aktualisieren. Ich sehe darin so etwas wie einen bewußt
archaisierenden Rückgriff auf altdeutsches Recht. In meinen Bemerkungen
zur Entstehung des rechtshistorischen Diskurses am Ausgang des
Mittelalters kam ich daher auch ganz kurz auf den Oberrheiner zu
sprechen (Das leckt die Kuh nicht ab. "Zufällige Gedanken" zu
Schriftlichkeit und Erinnerungskultur der Strafjustiz, in:
Kriminalitätsgeschichte. Beiträge zur Sozial- und Kulturgeschichte der
Vormoderne, hrsg. von Andreas Blauert/Gerd Schwerhoff, Konstanz 2000, S.
245-288, hier S. 284, auch online:
http://www.uni-koblenz.de/~graf/strafj.htm#t262):
"Eine eigene Analyse verdiente die nur in einer einzigen Handschrift
überlieferte Reformschrift
des sogenannten "Oberrheinischen Revolutionärs", verfaßt von einem
studierten Juristen, der
bis etwa 1509 an ihr gearbeitet hat. Der Text kann über weite Strecken
als rechtshistorischer Diskurs über das Strafen gelesen werden. Gegen
das römische Recht insistiert der Autor auf dem strengen alten deutschen
Recht, wie es von Kaiser Karl gestiftet worden sei und noch von den
westfälischen Gerichten (den Femegerichten) angewendet werde. Mit der
Forderung, das alte bischöfliche Sendgericht als zentrale
Disziplinierungsinstanz mit neuem Leben zu erfüllen, "den heilgen sent
wider zu+o handthaben", nimmt der oberrheinische Anonymus einen
Vorschlag des württembergischen Reformators Johannes Brenz aus dem Jahr
1531 vorweg, der die Bestrafung von Unzucht, Ehebruch und vergleichbarer
Delikte dem Sendgericht zuweisen
wollte".

Auch nach Lauterbachs aufschlußreichem Aufsatz, der hier nicht näher
kommentiert werden soll, verdient die Reformschrift des Oberrheiners
weitere rechtshistorische Beachtung. Ulrich Andermann hat jedenfalls
eine Studie "Recht und Reform im Spätmittelalter" angekündigt, in der
sie wohl näher behandelt werden wird (in seinem Aufsatz: Das Recht im
Bild. Vom Nutzen und Erkenntniswert einer historischen Quellengattung.
(Ein Forschungsüberblick), in: Mundus in imagine. Bildersprache und
Lebenswelten im Mittelalter. Festgabe für Klaus Schreiner, München 1996,
S. 421-451, hier S. 445 Anm. 95).

Offen bleibt bei Lauterbach die Frage, wie sich denn der Oberrheiner die
doch ungewöhnlich zu nennende Kenntnis karolingischer Kapitularien
verschafft hat. Der pauschale Verweis auf die Quellenforschungen im
Umkreis Maximilians (S. 196) überzeugt jedenfalls nicht. Ein Blick auf
die Überlieferung der Kapitularien wäre sinnvoll gewesen.

Nach wie vor hält Lauterbach an der Verfasseridentifizierung Wurm fest,
die er in einem großen Aufsatz - Klaus H. Lauterbach, Der
"Oberrheinische Revolutionär" und Mathias Wurm von Geudertheim. Neue
Untersuchungen zur Verfasserfrage, in: Deutsches Archiv für Erforschung
des Mittelalters ["DA"] 45 (1989), S. 109-172 - ausführlich begründet
hat.

Während die These Jürgen Bückings, der den Autor mit dem Kanzler Konrad
Stürtzel identifizieren wollte, in der Forschung auf entschiedene
Ablehnung stieß, vermißt man eingehende Stellungnahmen zum Vorschlag
Lauterbachs. Eindeutig skeptisch ist Tilman Struve in seinem noch vor
Lauterbachs DA-Aufsatz verfaßtem Artikel Oberrheinischer Revolutionär,
in: Die deutsche Literatur des Mittelalters. Verfasserlexikon, 2. Aufl.
7 (1989), Sp. 8-11. Dagegen spricht Dieter Mertens im Katalog: Der
Kaiser in seiner Stadt. Maximilian und der Reichstag zu Freiburg 1498,
Freiburg 1998, S. 493 davon, der Autor habe "wahrscheinlich gemacht"
werden können. Alexander Patschovsky legte sich nicht fest, weder in
seiner Rezension der Lauterbach-Monographie (DA 42, 1986, S. 246f.) noch
in seinem Wirsberger-Aufsatz von 1991, in dem man liest:
"Wenn die jüngst von Klaus Lauterbach vorgenommene Zuschreibung der
Schrift an den als Sekretär der Hofkanzlei Kaiser Friedrichs III. und
Maximilians I. tätigen Mathias Wurm von Geudertheim der Überprüfung
standhält, wäre zumindest in einem Fall der soziale Ort bestimmt, an dem
Reform des Reichs, der Kirche, ja der Welt im 15. Jh. theoretisch
artikuliert worden ist"
(online:
http://www.uni-konstanz.de/FuF/Philo/Geschichte/Patschovsky/aufsaetze/Inhalt/xiv/hauptteil_xiv.html).
Vorsichtig auch Thomas Zotz, Der Oberrhein: Raumbegriff und Aspekte der
territorialen und politischen Geschichte im Spätmittelalter, in:
Spätmittelalter am Oberrhein. Aufsatzbd., Stuttgart 2001, S. 13-23, hier
S. 13: "vielleicht".

Die Bezeichnung _Oberrheinischer_ Revolutionär kommt nicht von ungefähr.
Bezugsgröße des Regionalismus des Oberrheiners, schrieb ich 1988
(Aspekte zum Regionalismus in Schwaben und am Oberrhein im
Spätmittelalter, in: Historiographie am Oberrhein im späten Mittelalter
und in der frühen Neuzeit, hrsg. von Kurt Andermann, Sigmaringen 1988,
S. 165-192, hier S. 178f.), ist "die Rhein-Region zwischen Basel und
Bingen, von ihm als "Elsaß" verstanden, samt dem Schwarzwald und den
angrenzenden Landschaften. Der Verfasser rechnet sich sogar der
Wir-Gruppe der Elsässer zu ([Ausgabe] S. 226). Von den 12 Klimaten, die
er im 11. Kapitel aufzählt, ist das achte, "das ist das schonest Elsas",
das fruchtbarste. Alsatia hat alles genug: all satis (S.220). Sein Boden
ist goldhaltig, und es hat - einem Topos des Regionallobs folgend - "vil
stett und schlos vol mit strittbaren lutten besetzt, schone frucht,
gu+ot win und korn, fleisch und fisch"(S. 229). Das Elsaß, die Mitte
oder das Herz Europas (S. 220, 231, 269, 281, 466, 501), wird nicht nur
als löblicher Garten (S.289) bzw. als Rosengarten (S.333) bezeichnet, es
wird auch als gesegnetes (S.372), als gelobtes (S.512) und gnadenreiches
Land (S.370) sakral überhöht. Als häufigste Abgrenzung des vom Autor ins
Auge gefaßten Geltungsraumes seines Regionalismus begegnet die Formel
"zwischen Bingen und Basel" (S. 220, 226, 246, 334, 501, 512),
folgerichtig wird der Geburtsort Karls des Großen, Ingelheim bei Mainz,
im "Niederelsas" lokalisiert (S.355). Mit dem Begriff Elsaß konkurriert
der Schwarzwald als Herkunftsregion des vom Autor erwarteten künftigen
Friedensherrschers Friedrich. Er heißt "ein kunig uß dem
Schwartzwald"(S.275), "zu+okunftiger Fridenrich, ein kunig vom
Schwartzwald"(S. 303), "adlar, uff dem Schwartzwald herzogen
[erzogen]"(S. 343). An anderer Stelle wird das gnadenreiche Land des
Herzens Europas "das ist zwischen Bingen und Basel" als die
Herkunftsregion des Friedensherrschers ausgegeben und der Schwarzwald
"des landes Elsas" mit Bezug auf Brigitta von Schweden als "garten der
jumphrowen" erläutert (S. 370). Die Schwarzwälder, die zu Zeiten Julius'
(Caesar) "menige volks in Galea [Gallien] ze todt schlu+ogen", werden
binnen etwa fünf Jahren unter König Friedrich wieder das gleiche tun (S.
312). Unter dem Wandalenfürsten Crocus eroberten die "Schwartzwelder"
Arles. Auch hier ist das typologische Verhältnis von vergangener
Verheißung und zukünftiger Erfüllung angesprochen, wie der Satz "Also
wirt der nw kunig ouch tu+on" bezeugt (S. 471). Hier wie in einem
weiteren Kapitel (S.518) wird auf das 44. Kapitel zurückverwiesen. Es
erzählt (S. 309), wie die "Tutschen uff dem Rin" sich gegen die Römer
und Gallier verbündeten. Kurz danach werden diese Parteien als
"Elsesser" und "Rinische[]" bezeichnet. Die Rheinischen siegen, weshalb
man diese Stelle als Bezugspunkt der späteren Anspielung darauf, "wie
die Schwartzwalder Franchrich gewunnen"(S. 518) auffassen darf.
Schwarzwälder, Elsässer und Deutsche "auf dem Rhein" bezeichnen für den
Autor somit ein einziges, in der Geschichte streiterprobtes Volk, das
auch zum Träger der erhofften Reform ausersehen ist."

Meine weiteren Ausführungen zum Oberrheiner (S. 178-183) befaßten sich
mit dem Alemannenbegriff, den Trier-/Trebeta-Überlieferungen und den
sogenannten "volkstümlichen" oder "mythischen" Motiven.

Nur in einer kurzen Anmerkung begründete ich meine Zweifel an der
Verfasseridentifizierung (S. 178 Anm. 44) - der DA-Aufsatz war noch
nicht erschienen: "Unverständlicherweise hat Lauterbach ebensowenig wie
Jürgen Bücking, in: AKG 56 (1974) S.191 das von ihm S. 287 abgebildete
lateinische Lobgedicht auf den Autor vollständig ediert. Es spricht vom
Verfasser als einem "iurium (...) doctor". Auch die zahlreichen Allegate
des Oberrheiners lassen an einen graduierten Juristen denken. Der
Oberrheiner wettert gegen den Briefadel (S.463, vgl. Klaus Arnold, in:
AKG 58, 1974, S.431) - als Mathias Wurm von Geudertheim fiele er selbst
unter diese Kategorie (vgl. Lauterbach, S.291). Wurms Herkunft ist
unklar, doch wohl am ehesten bürgerlich. Ernst Bocks nicht belegte
Angabe, er stamme aus Nördlingen, läßt sich aus den Nördlinger
Steuerbüchern des 15. Jh. nicht verifizieren (laut freundlicher
Mitteilung von Frau Dr. I. Bátori, Koblenz). Der Vater des Oberrheiners
scheint bereits im Elsaß oder Oberrheinraum ansässig gewesen zu sein
[...] - gegen Mathias Wurm wird aber 1494 eingewandt, er sei "landfremd"
(Rappoltsteinisches Urkundenbuch 5 Nr. 1241, zitiert nach Mertens [Reich
und Elsaß masch. Habil. 1977], S.192)."

Ich habe Lauterbach dann brieflich 1990 etliche Gegenargumente nach
Erscheinen seines Beitrags im DA, der auch für die Interpretation des
Werks unabhängig von der Verfasseridentifizierung wichtig ist,
zugänglich gemacht. Diese Einwände (in der Form einer Gegenüberstellung
dessen, was man vom Oberrheiner und dessen, was man von Matthias Wurm
weiß) erscheinen mir nach wie vor berechtigt zu sein und werden hier in
überarbeiteter und ergänzter Form vorgelegt.

Adliger Rat?

"Der Oberrheiner gehört dem Adel an" (DA S.122). Ausschließen läßt sich
das nicht. Eindeutige Hinweise auf eine "objektive" Standeszugehörigkeit
sind dem Text aber nicht zu entnehmen. Angesichts des im Aufsatz
zutreffend herausgearbeiteten Adelsbegriffs des Oberrheiners und seines
Sendungsbewußtseins muß angenommen werden, daß er sich selbst als
Mitglied des "ratenden Adels" verstanden hat. Wenn, wovon ich ausgehe,
der Oberrheiner ein graduierter Jurist war, so galt er, ungeachtet
seiner Herkunft, als "Ritter": "Wissen adelt". Zwischen Land- und
Stadtadel unterscheidet der Oberrheiner nicht, wohl aber (so DA S.122
Anm. 73) zwischen kämpfendem und ratendem Adel.

Wurm: Der Oberrheiner müßte, meint Lauterbach, unter den adligen Räten
des Kaisers zu suchen sein (DA S. 125). Die Frage der ständischen
Qualität Wurms hängt mit der nach wie vor offenen Frage seiner Herkunft
zusammen. Wenn beispielsweise die Stadt Worms ("Wurms") als sprechendes
Wappen einen Lindwurm führte, so wird man die Identität des Wappens der
Straßburger Wurm und Mathias Wurms nicht überbewerten dürfen (DA S.
143). Nicht auszuschließen ist, daß das Wurmsche Wappen ebenso usurpiert
wurde wie das der Herren von Geudertheim, das er nach der Belehnung mit
Geudertheim annahm (Diss. S. 291).

Daß der Oberrheiner gegen den Briefadel "gewettert" habe, wie ich 1988
schrieb, ist eine zu starke Formulierung (Präzisierung durch Lauterbach
DA S. 122 Anm. 73).

Wer - außer dem Ammann Jakob Wurm um 1500 - der "bürgerlichen
Straßburger Familie" Wurm angehörte, ist durch Kindlers von Knobloch
unkritische Ausführungen nicht festgestellt. Wenn Friedrich III. Mathias
Wurm der Stadt Straßburg empfiehlt, er werde besser als andere ihr
nützlich sein, so stellt Lauterbachs Folgerung, dies lasse auf einen
"gewissen Bekanntheitsgrad" (DA S. 143) schließen, eine der vielen
Überinterpretationen seines sehr suggestiv formulierten Aufsatzes dar.
War Wurm der Sproß einer alteingesessenen Familie, so verwundern die
umständlichen Verhandlungen bei der Aufnahme Wurms als Ausbürger (DA S.
145f.). Daß er 1491 auf besondere Privilegien "wider Ewer stat freiheit"
verzichtet, wird man gewiss nicht pressen dürfen, aber die Formulierung
spricht jedenfalls nicht für eine Straßburger Herkunft.

Paul Joachim Heinig, Kaiser Friedrich III. (1440-1493). Hof, Regierung
und Politik, Köln/Weimar/Wien 1997, S. 787f., 1034 lehnt zwar die von
Ernst Bock aufgebrachte These einer Nördlinger Herkunft ab (wohl weil er
Lauterbach folgt), spricht aber aufgrund der besonderen Kontakte Wurms
zu Nördlingen von "zweifellos familiäre[n] Beziehungen" und nennt solche
auch (ohne Beleg) für Weißenburg.

Zu den Nördlinger Wurm teilte mir auf meine Anfrage von 1986 das
Stadtarchiv Nördlingen Ende 1989 folgende Nachweise mit: In den
Steuerbüchern 1459, 1465 Michel Wurm; 1471, 1475, 1480, 1490 Michel
Wurm(er); 1495 und 1500 Claus und Michl Wurm. Absenderregister zu den
Missiven: 1480 Hans und Jeronimus; 1481 Hans, 1485 Hans Wurm.

Derzeit läßt sich Wurm meines Erachtens nicht mit gutem Gewissen einem
familiären Kontext zuordnen, eine Abstammung von der Straßburger Familie
des Namens ist auf keinen Fall erwiesen. Die Bezüge nach Nördlingen
sollten nicht übersehen werden.

Der elsässische Landvogt Kaspar von Mörsberg wandte sich 1494 gegen
Wurm, der das Landschreiberamt erhalten sollte, und argumentierte unter
anderem, die Bekleidung eines solchen Amtes fiele einem "fromden"
schwer. Was Lauterbach DA S. 157f. Anm. 240 dazu schreibt, ist recht
hypothetisch. Das oben in dem Zitat von 1987 von mir angeführte
Argument, der Oberrheiner habe von seinem Vater etwas über die
armenspeisenden irdischen Engel im Elsass gehört und könne daher nicht
mit dem "landfremden"Wurm identisch sein, ist hinfällig, da "vatter"
Plural ist (fol. 71r). Aber wenn man die Bedeutung "Vorväter"
akzeptiert, so kann aus der Stelle wohl doch noch ein - wenn auch sehr
schwaches - Gegenargument gegen die Verfasserschaft Wurms gewonnen
werden.

Was die frühen Belege zu Wurms Tätigkeit am Kaiserhof angeht, so äußert
sich Heinig S. 788 nicht zu dem DA S. 141 ins Spiel gebrachten Beleg von
1471, wie man überhaupt feststellen muß, daß Heinigs Ausführungen zu
Wurm - trotz der S. 788 artikulierten Vorbehalte gegenüber Lauterbachs
Identitfizierung - nur bedingt hilfreich sind. Eine detaillierte
Auseinandersetzungen mit dem Aufsatz Lauterbachs findet nicht statt, und
es werden sogar S. 787 Angaben über den Oberrheiner als biographische
Fakten Wurms behandelt.

Als "adliger Rat" des Kaisers hätte Wurm es sicher nicht nötig gehabt,
sich vom Registrator hochzudienen. Lauterbach neigt dazu, den Einfluß
seines "Helden" am Hof zu überschätzen. Wurm erscheint übrigens nicht in
der maßgeblichen Studie von Heinz Noflatscher, Räte und Herrscher.
Politische Eliten an den Habsburgerhöfen der österreichischen Länder
1480-1530, Mainz 1999.

Wirklich überzeugende Gründe, daß der Oberrheiner Mitglied der
kaiserlichen Kanzlei war oder gar zum "Kreis der Reichshofräte" (DA S.
135) gehört haben muß, konnten von Lauterbach nicht ins Feld geführt
werden. Auch als Rat eines anderen Herrn konnten ihm Hofmären und
Interna bekanntgeworden sein. Daß der Oberrheiner tatsächlich
Staatsgeheimnisse wußte, von denen nur ein Angehöriger des Hofs
Maximilians wissen konnte, ist nicht hinreichend plausibel genmacht
worden (der Verweis DA S.125 Anm. 91 auf Diss. S. 239 und die "Menge
des Materials" genügt nicht). Lauterbach übertreibt das dem Autor
verfügbare "Geheimwissen".

Daß der Anonymus Friedrich III., Herzog Sigmund und Maximilian "diente"
(DA S. 125), ist mit Blick auf die zu beweisende These geschrieben. An
Friedrich III. und Maximilian sandte er Schriften; ein Dienstverhältnis
ist nirgends explizit genannt. Daß er Sigmund Ratschläge gegeben habe,
läßt sich den angeführten Stellen nicht entnehmen. Mit den drängenden
Problemen der Zeit dürften die meisten der damaligen "Intellektuellen"
vertraut gewesen sein, dazu bedurfte es keiner Tätigkeit am Kaiserhof.
Wir wissen viel zu wenig über die Knotenpunkte des "Reformdiskurses" im
Elsaß um 1500. Grundsätzlich nicht rekonstruierbar ist der anzunehmende
intensive mündliche Austausch, zudem sind zahlreiche Korrespondenzen
verloren.

Der wenig bekannte Straßburger Pfarrer Johannes Hug (von mir behandelt
in der in Druckvorbereitung befindlichen Festschrift für Dieter
Mertens), wandte sich mit einer reformgesinnten kanonistischen
Ausarbeitung (gedruckt Straßburg 1504) - sie wurde wohl vom Oberrheiner
benutzt (DA S. 168) - ebenfalls selbstbewußt an Maximilian und Berthold
von Henneberg. Dieses Exempel beweist, daß man auch ohne Einfluß am Hof
versuchen konnte, eigene Reformüberlegungen in die Debatte zu werfen.

Gelehrter Jurist

Oberrheiner: "Der Oberrheiner ist Jurist" (DA S. 129). In der Tat: Die
zahlreichen Allegationen setzen zwingend einen erfahrenen, wohl
graduierten Juristen voraus. Diese Zitate sind nur dann zu erklären,
wenn man ein juristisches Studium und eine längere Berufspraxis annimmt.
Daß der Oberrheiner als gelehrter Rat im Dienst eines Herren gestanden
hat, scheint mir wahrscheinlich. Als solcher war er mit der
Kanzleischriftlichkeit sicher bestens vertraut.

Lauterbach ist zuzugestehen, daß die lateinischen Verse des
Schlußgedichts, in denen der Verfasser des "buchli" als Doktor der
Rechte und "astronomus" apostrophiert wird, auch aus aufmerksamer
Lektüre des Textes hätten abgeleitet werden können (DA S. 140).

Wurm: Entscheidend ist, ob für Wurm ein juristisches Studium plausibel
gemacht werden kann.
Angesichts der Überlieferungsverluste in den Universitätsarchiven kann
man nicht einfach darauf verweisen, daß ein Matrikeleintrag nicht
ermittelt werden konnte. Gewiß, nicht alle Studenten verließen mit einem
juristischen Grad (Lizentiat, Doktor) die Universität. Ein juristisches
Studium setzte aber einen Magister- oder Baccalaureatsabschluß der
Artistenfakultät voraus, und dieser war ausreichend, um als "Meister"
bezeichnet zu werden. Hätte Wurm eine universitäre Ausbildung
absolviert, so wäre er sicher irgendwann als Meister bezeichnet worden.
Dies ist aber nicht der Fall, es gibt keinerlei Anhaltspunkte für die
Führung eines gelehrten Titels.

Als graduierter Jurist hätte Wurm wohl als gelehrter Rat und nicht als
Registrator gedient. Nicht jeder Gerichtsschreiber bedurfte einer
juristischen Ausbildung (zu DA S. 149) und ob eine solche tatsächlich
Voraussetzung für das kleine Palatinat war (so DA S.162), ist fraglich.
Was Lauterbach über Wurm mitgeteilt hat, spricht überhaupt nicht dafür,
daß dieser von seiner Umwelt "Rechtsgelehrter" (DA S. 162), als
gelehrter Jurist, der in der Welt des kanonischen oder römischen Rechts
zuhause war, wahrgenommen wurde.

Um es deutlich zu formulieren: Dies ist das Hauptargument, das gegen
Lauterbachs Vorschlag spricht. Wurm kommt aus dem Kanzleidienst und
etabliert sich in der elsässischen territorialen Verwaltung, was er mit
dem Erwerb einer kleinen Herrschaft verbindet. Der Oberrheiner hatte als
gelehrter Jurist eine gänzlich andere Sozialisation aufzuweisen.

Teilnahme an Reichstagen

Oberrheiner: Nur die Teilnahme am Wormser Reichstag 1495 ist bezeugt.
Von dem Freiburger Abschied ist er "unterrichtet" worden (Diss. S. 123),
eine Formulierung, die eher gegen eine persönliche Anwesenheit spricht.
Näher liegt der Gedanke an die Unterrichtung durch eine schriftliche
Mitteilung.

Wurm: Sowohl auf dem Wormser Reichstag 1495 als auch auf dem Freiburger
Reichstag war Wurm persönlich anwesend.

Todesdatum

Oberrheiner: Möglicherweise 1510 (DA S. 117). Es ist jedoch nicht
auszuschließen, daß aus irgendwelchen Gründen (etwa aufgrund einer
mehrjährigen Krankheit) die Arbeit liegenblieb und nicht weitergeführt
wurde. Allein vom Todesdatum her wäre der von Lauterbach ohne nähere
Erläuterung ins Spiel gebrachte Dr. Johann Getzner (gestorben nach
1514?) daher nicht als Autor auszuschließen (DA S. 139 Anm. 161).

Wurm: Er starb höchstwahrscheinlich 1510, denn im Dezember 1510 bat die
Witwe Wurms um ausstehende Soldzahlungen (DA S. 144).

Zu den Lebensdaten mag noch Erwähnung finden, daß bei unvoreingenommener
Würdigung der biographischen Zeugnisse Wurms dieser etwas jünger
erscheint als ein Mann, der 1438 geboren wurde (wie der Oberrheiner),
vgl. DA S. 145.

Regionale Bezüge

Oberrheiner: Enge Beziehungen zu Basel sind bereits Haupt (S. 90)
aufgefallen. Sein Tätigkeitsschwerpunkt könnte in dem durch die Orte
Colmar, Freiburg und Basel umschriebenen Dreieck gelegen haben. Zu
erinnern ist an die Weiterempfehlung, wohl ein Abwimmeln, auf dem
Wormser Reichtag 1495 an den Ensisheimer Landvogt, aber auch daran, daß
der erste nachweisbare Besitzer des Codex unicus in Rufach (bei
Ensisheim) Priester war und enge Beziehungen zu Basel besaß. Zu erinnern
ist aber auch an die rechtsrheinischen Bezüge des Autors (Breisgau,
Schwarzwald).

Wurm: Seine Beziehungen zu Straßburg und Hagenau sowie zu den
Hanau-Lichtenbergern deuten nicht gerade auf das Oberelsaß. Erwähnt sei
auch die Freundschaft mit Waldner und die Verschwägerung mit dem Tiroler
Kanzler Oswald von Hausen (DA S. 145), über den jetzt Noflatscher S. 217
Nachweise bringt.

Mentalität und geistiges Profil

Oberrheiner: Ein hochgelehrter Einzelgänger mit ungeheurem
Sendungsbewußtsein, der seiner Umwelt wohl als Querulant erscheinen
mußte. Hinzu kommt eine außerordentliche Belesenheit insbesondere auf
dem Feld der Historie.

Wurm: Über sein geistiges Profil ist nichts bekannt (DA S. 148), längere
selbstverfaßte Texte, für die ein Stilvergleich lohnend wäre, gibt es
von ihm offenbar nicht (vgl. aber das DA S. 159 Anm. 250 genannte
Memorandum). Gelehrte Zitate in der Art des Oberrheiners scheint das von
Lauterbach gesichtete Schriftgut nicht aufzuweisen. Eine polemische
Äußerung über die Hartnäckigkeit der Brüder Wurm (1523?) als "Erbe"
ihres verstorbenen Vaters zu beanspruchen, schiene mir methodisch selbst
dann bedenklich, wenn die Verfasserzuschreibung zuträfe (DA S. 148).
Weshalb sollten ein Schreiber und sein Sohn - wie andere Herrschaften
zur gleichen Zeit auch - kein "Dorfbuch" (DA S.147) erstellen? Wurm
erscheint in den Quellen nicht anders denn als pragmatischer
Verwaltungsmann und mutmaßlich ehrgeiziger Aufsteiger. Kann sein
"rationalisierendes" Wirken (Heinig S. 787) wirklich mit den visionären
Vorstellungen des Oberrheiners in Einklang gebracht werden?

Von einer Einbeziehung Wurms in die historischen Forschungen Maximilians
verlautet in den Quellen nichts. Als Verfasser der ständig historisch
argumentierenden Reformschrift des OR wäre er aber ein exzellenter
Experte gewesen.

Conclusio: Gravierende Zweifel an der Identität des Oberrheiners mit
Mathias Wurm

Zunächst ist einzuräumen, daß die vorgeschlagene Identifizierung nicht
ausgeschlossen werden kann. Aber die Beweislast für eine solche These
trägt derjenige, der sie aufstellt. Bei dem Versuch, die fragmentarisch
überlieferten Lebensläufe des Oberrheiners und Wurms
übereinanderzublenden und den Text des "buchli" auf die Tätigkeit Wurms
zu beziehen, hat Lauterbach die archivalischen Quellen und insbesondere
den Text des "buchli" nicht selten gepresst und überinterpretiert.

Wie Lauterbach es unternimmt, Mathias Wurm "Stimme" (im Sinne des
Auftretens des Oberrheiners) auf dem Wormser Reichstag zu verschaffen,
überzeugt ganz und gar nicht. Ich wage zu behaupten: Wäre der
kaiserliche Sekretär Wurm auf dem Wormser Reichstag 1495 in der Weise
aufgetreten, wie der Oberrheiner sein eigenes Auftreten "beschreibt", so
hätte der Kaiser von der Wiederanstellung Wurms 1497 Abstand nehmen
müssen, da ihm - bei allem sonstigen Verständnis für geniale Köpfe - ein
Fanatiker wie der Oberrheiner im besonders sensiblen Bereich der Kanzlei
als unkalkulierbares Risiko hätte erscheinen müssen. Nicht auszudenken,
wieviel diplomatisches Porzellan ein einziges eigenmächtiges Schreiben
eines kaiserlichen Sekretärs hätte zerschlagen können!

Löst man sich von der Vorstellung, daß der Oberrheiner im engeren
Umkreis von Maximilian und in seinen Diensten gesucht werden muß, so
bleibt der ernüchternde Befund, daß es Lauterbach nicht gelungen ist,
ein einziges wirklich starkes Argument für die Identität ins Feld zu
führen. Aber es gibt ein starkes Argument gegen diese: das Problem der
fehlenden juristischen Graduierung Wurms. Hinzu kommt der (eher
subjektive) Eindruck, daß das vom Text des OR vermittelte
Persönlichkeitsbild der Vorstellung von einem engen Kanzleimitarbeiter
Maximilians zu widersprechen scheint. Für mich sind die Tätigkeit eines
ambitionierten und offenbar fähigen Aufsteigers aus dem Schreibertum
und das "weltfremde" Sendungsbewußtsein des gelehrten Oberrheiners, der
ernsthaft glaubt, er könne mit der entsprechenden Vollmacht alle
Mißstände im Reich abstellen und dies auch vor dem Reichstag zum
Ausdruck bringt, inkompatibel. Das Problem des Oberrheiners ist das alte
Problem des verschmähten Philosophen mit der Macht. Die archivalisch
bezeugten Probleme Wurms sind dagegen gleichsam "arbeitsrechtlicher"
Natur, läßt es doch sein Arbeitgeber (Maximilian) an
Verantwortungsbewußtsein bei Besoldung und Gunsterweisen fehlen.

Kann eine alternative Suchstrategie angegeben werden? Ausschau zu halten
wäre nach einem im Dreieck Colmar, Freiburg, Basel tätigen gelehrten
Juristen (gest. um 1510), vermutlich Autor gelehrter Traktate, mit engen
Kontakten zum Kaiserhof, der um 1450 in Italien, möglicherweise in
Padua, die Rechte studiert hatte. Ein solcher gelehrter Jurist hatte
über schriftliche und mündliche Nachrichtenkanäle die Möglichkeit, das
Zeitgeschehen zu verfolgen, ja sogar - am einfachsten über Kontakte zur
vorderösterreichischen Administration - Interna vom Kaiserhof zu
erfahren. Die Anknüpfungspunkte im Werk sind allerdings doch eher vage.
Gerade bei der wichtigen Teilnahme am Wormser Reichstag 1495 ist es
denkbar, daß der Oberrheiner in keiner Teilnehmerliste oder einem
sonstigen Dokument faßbar wird (wenn er sich nur ganz kurz in Worms
aufgehalten hat). Wenn man sich einen gelehrten Juristen vorstellt, der
um 1500 im Oberelsaß beispielsweise für kleine oder mittlere adlige oder
klösterliche Herrschaften tätig war, so wird man es eher für
unwahrscheinlich halten, daß mehr als einige fragmentarische
Lebenszeugnisse die Unbilden der Überlieferung überdauert haben. Und
noch viel unwahrscheinlicher ist, daß diese dann mit den Angaben des
"buchli" in überzeugender Weise in Einklang gebracht werden können.
Erneut ist auf den Straßburger Pfarrer Johannes Hug (um 1500) zu
verweisen, der ein gelehrtes Rechtstudium absolviert haben muß, über den
aber so gut wie nichts an biographischen Details in Erfahrung zu bringen
war.

Nur wenn der Oberrheiner im engeren Umkreis Maximilians zu suchen wäre,
ist Wurm wohl tatsächlich der wahrscheinlichste Kandidat. Löst man sich
von dieser Prämisse, so muß man ernsthaft mit der Möglichkeit ernsthaft
rechnen, daß die Identität des Oberrheiners nie gelüftet werden wird.
Ansatzpunkte weiterer Recherchen könnten vielleicht am ehesten im
Oberrheinraum entstandene juristische oder astrologische Schriften, die
der Oberrheiner ebenfalls verfaßt hat, sein. Lauterbach äußert sich
beispielsweise nicht zu der Möglichkeit, daß der handschriftliche
astrologische Traktat, der Teil des Codex unicus war, auch von dem Autor
des "buchli" stammen könnte. Ist der Text auch anderweitig überliefert?

Da Lauterbach bisher unbeirrt an seiner Verfasserthese festgehalten hat,
muß man befürchten, daß die quasi-sakrale Weihe einer MGH-Edition den
Wurm-Vorschlag für unabsehbare Zeit zur herrschenden Meinung verfestigen
könnte. Ich halte ihn aus den genannten Gründen für unwahrscheinlich,
aber da es keinen besseren Kandidaten gibt, wird man leider damit
rechnen müssen, daß die meisten Forscher unkritisch der monumentalen
Neuausgabe und damit der fragwürdigen Verfasserthese Lauterbachs ihren
Tribut zollen werden.

Klaus Graf


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