Mittelalter-Rezeption und fruehneuzeitliche Erinnerungskultur

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Autor: Klaus Graf (graf@uni-koblenz.de)
Datum: 10.10.2001 - 21:30 CEST


Auf der Tagung "Das Mittelalter in der Fruehen Neuzeit" des
Rudolstaedter AK zur Residenzkultur hielt ich am 4.10.2001 folgendes
Referat, das vielleicht auch hier von Interesse ist.

Klaus Graf: Mittelalter-Rezeption, höfische Erinnerungskultur und
retrospektive Tendenzen

Das lateinische Wort "monumentum", italienisch "memoria" oder
"monumento", bedeute auf deutsch: "Ein gedächtnuß zeichen, etwas das uns
von eines vergangen dings erinneret, ein gedächtnuss" - so das in Basel
1579 gedruckte siebensprachige Wörterbuch des Ambrosius Calepinus (S.
954). "Memoria" wird ebenfalls mit "gedächtnuss" übersetzt (S. 922). Das
von mir herangezogene Exemplar des Buchs stammt übrigens aus einer kaum
erforschten hochadeligen Büchersammlung. Es trägt den Besitzvermerk der
Grafen Georg und Froben von Helfenstein, Freiherren von Gundelfingen aus
dem Jahr 1582 und befand sich bis vor kurzem in der seit 1999 auf
Auktionen zerstückelten Fürstlich Fürstenbergischen Hofbibliothek. Da
sich keine Institution der öffentlichen Hand um einen Erwerb aller in
Donaueschingen erhaltenen Bücher der Grafen von Helfenstein aus dem 16.
und frühen 17. Jahrhundert bemüht hat, habe ich den Band selbst
ersteigert.

Die Donaueschinger Hofbibliothek als über Jahrhunderte gewachsene
Sammlung läßt sich mit Fug und Recht als kulturhistorisches Monument und
Kulturdenkmal bezeichnen. Vorläufer des modernen Denkmalbegriffs war der
Begriff "monumentum", der im 16. Jahrhundert nicht nur von Calepinus mit
"gedächtnuss" übersetzt wurde. Heute meint Denkmal zweierlei: zum einen
das Gedächtnismal, das die Erinnerung an eine Person oder ein Ereignis
wachhalten soll, zum anderen ein erhaltenswürdiges historisches Objekt,
das nachträglich zum Kulturdenkmal deklariert wird. Der Quellenbegriff
"Gedechtnus" aber verband beides, gestiftete Erinnerung und bewahrte
Erinnerung, zukunftsorientierte Denkmalsetzung und
vergangenheitsorientierten Denkmalschutz.

Als prominentes Beispiel kann das Gedechtnus-Konzept Kaiser Maximilians
I. herangezogen werden, das der Germanist Jan-Dirk Müller wie folgt
bündig umschrieben hat: "Gedächtnus meint erstens liturgische memoria
[...], religiöse Stiftungen und Gebetsdienst, bedeutet zweitens die
überhöhende Darstellung der eigenen Taten in Text und Bild für die
Nachwelt. Hier berührt sich M[aximilian]s Intention mit dem
humanistischen Gedanken ewigen Nachruhms in den Werken der Dichter und
Künstler. Gedächtnus heißt drittens Sicherung und Erneuerung
historischer Überlieferung aller Art [...]. Viertens geht es um
Fixierung aller möglichen Wissensbestände im Umkreis von Regiment, Hof
und fürstlichem Haus." Der Begriff Gedechtnus bezieht sich also sowohl
auf das eigene Andenken, adressiert an die "Posterität", als auch auf
die Altertümer der Vergangenheit, die als pietätvoll zu achtende
Erinnerungsbotschaften der Vorfahren verstanden werden.

Für das hier vorgeschlagene Konzept der vormodernen Erinnerungskultur,
verstanden als Ensemble von Erinnerungs-Medien, ist die auf Jan Assmann
zurückgehende Unterscheidung der retrospektiven und der prospektiven
Dimension des Erinnerns von fundamentaler Bedeutung. In der Zeit um 1500
- die wichtigste epochale Zäsur für die Erforschung der
Erinnerungskultur und der retrospektiven Tendenzen - etablierte sich ein
neues Modell des Gedenkens, das beide Dimensionen eng aufeinander bezog.
So korrespondierte mit der antiquarischen Pflege der Numismatik in der
Renaissance die Verbreitung der künstlerischen Praxis der
Porträtmedaille, die das eigene Abbild verewigen sollte. Antike
Inschriften wurden nicht zuletzt deshalb studiert, weil man aus ihnen
Vorbilder für die Sicherung ewigen Nachruhms entnehmen wollte.

Wer sich mit frühneuzeitlicher Mittelalter-Rezeption beschäftigt, ist
somit gut beraten, die prospektive Verewigung, das Streben nach Nachruhm
- gloria oder fama - nie aus dem Auge zu verlieren.

Maximilian revitalisierte in den Jahren nach 1500 gleich drei antike
Typen des prospektiven Denkmals: das Reiterdenkmal, das Mausoleum und
den Triumphbogen. Ich gehe hier nur auf das bei St. Ulrich und Afra in
Augsburg geplante Reitermonument ein, über das sich zuletzt Franz
Bischoff in seiner Engelberg-Studie geäußert hat. Es war eine
prospektive Verewigung mit deutlichem retrospektivem Akzent, denn eine
spätere Augsburger Quelle berichtet, daß Maximilian den Standort gewählt
habe, weil St. Ulrich aus dem Geschlecht der Grafen von Kyburg
herzuleiten sei, die der Herrscher als seine Vorfahren mütterlicherseits
kannte.

1494 hatte der Augsburger Kanoniker Matthäus Marschall von Pappenheim
für die Mönche einen am Grab des hl. Ulrich angebrachten Stammbaum der
Familie des Klosterpatrons, also der Grafen von Dillingen und Kyburg,
entworfen. Die Benediktiner von St. Ulrich und Afra waren besonders
geschichtsbewußt, sie erforschten damals früh- und hochmittelalterliche
Handschriften und haben beim Neubau ihrer Klosterkirche wohl bewußt
altertümliche Formen gewählt. Da mir die herkömmliche Bezeichnung
"Klosterhumanismus" unzutreffend erschien, habe ich für die
Rückbesinnung der Mönche auf die eigene Tradition den Begriff
"monastischer Historismus" vorgeschlagen.

Matthäus Marschall aber war um 1500 einer der drei gelehrten Sammler,
die man vielleicht als die Gründerväter der modernen Genealogie
ansprechen darf. Die beiden anderen, der Wiener Kanoniker Ladislaus
Suntheim und der Jurist Jakob Mennel, erstellten ihre Sammlungen zu
adeligen Genealogien im Auftrag Maximilians.

Maximilian habe sich in Augsburg als Nachfolger des hl. Ulrich
darstellen lassen, vermutet Bischoff. Es lohnt aber auch, die Sätze von
Tilmann Falk in seiner Burgkmair-Monographie zur historischen Verortung
dieses Monuments zu zitieren: "Wie die retrospektiven Tendenzen in den
künstlerischen Aufträgen Maximilians zuweilen zu historisierenden Werken
führten [...] kann es auch hier der Rückblick auf die nationale
Vergangenheit mit sich bringen, daß die Konzeption des Augsburger
Denkmals den mittelalterlichen deutschen Reiterbildern [Bamberger und
Magdeburger Reiter] verwandter erscheint als zeitlich nahestehenden
italienischen Monumenten. Mit voller Absicht ist wohl auch am Sockel die
klassische Antiqua, die man hätte erwarten können, durch L[eonhard]
Wagners Rotunda als einer deutschen' Schrift ersetzt. Der Gedanke der
renascentis imperii gloria', im deutschen Humanismus von der Regierung
Maximilians erhofft, nimmt sich weniger das antik-römische als das
Heilige Römische Reich deutscher Nation in seiner Blüte zum Vorbild und
erstrebt für Maximilian die Machtfülle eines hochmittelalterlichen
Kaisers" (73).

Für das Augsburger Reiterdenkmal darf jedenfalls behauptet werden:
Historisch-genealogische Forschung, wahrscheinlich verbunden mit
formalem Rückbezug auf hochmittelalterliche deutsche Vorbilder, und
prospektive Verewigung gingen Hand in Hand.

Ein bedeutsames Feld höfischer Erinnerungskultur war das Festwesen.
Feste verlangten nach Erinnerung, Festbeschreibungen sollten das
Gedächtnis an das glanzvolle Geschehen wachhalten. Der prospektiven
Verewigungspraxis korrespondierte nicht selten der Einsatz
historisierender Elemente, die auf Vergangenes anspielten. Maximilian
kam auch hier eine Schlüsselrolle zu. Zum Jahr 1494 vermerkt der Wormser
Ratsherr Reinhart Noltz, bei der Huldigung der Wormser vor der "Neuen
Münze" habe der König einen Kranz auf dem Barett getragen, der genauso
wie der gemalte Kranz der Kriemhild an der Neuen Münze ausgesehen habe.
Kurz zuvor waren an diesem städtischen Gebäude Gemälde zur
Nibelungenthematik angebracht worden. Mit einem Accessoir erwies sich
der Herrscher, für den ja auch anderweitig ein intensives Interesse an
der heldenepischen Überlieferung und ihrer Bewahrung dokumentiert ist,
als Liebhaber alter heroischer Geschichten. Ein Jahr später schrieb
Maximilian bei den Belehnungen der Fürsten auf dem Wormser Reichtag den
einzelnen Lehensträgern genau vor, in welchem Gewand sie zu erscheinen
hatten - heraldische Ordnung, die jedem den ihm gebührenden Platz zuwies
und als überzeitlich gültig gedacht wurde, war dem König wichtig.

Aus einer von Claudia Schnitzer in ihrem bedeutsamen Buch über "Höfische
Maskeraden" jüngst aus Dresdener Archivalien publizierten Quelle über
Mummereien Maximilians geht hervor, daß bei einer solchen unter der
Verkleidung eine weitere getragen wurde, die als altfränkisch bezeichnet
wird. Man hat also bewußt einen Verfremdungseffekt durch das Tragen
einer altertümlichen, unmodernen Kleidung angestrebt. In der
Holzschnittfolge von Maximilians "Triumphzug" erscheinen in der
Mummereiabteilung Vermummte in zwei Gliedern; die einen trugen spanische
Gewänder, die anderen "kurtz Rocklein auf alt Swebisch" - es wurde somit
auf eine alte schwäbische Bekleidungssitte Bezug genommen.

Eine zusammenfassende Darstellung historischer Rückgriffe in der
frühneuzeitlichen höfischen Festkultur steht noch aus. Ich nenne hier
nur noch ein mitteldeutsches Beispiel aus dem 18. Jahrhundert: Im
Schloßpark von Sondershausen stellte man 1728 zehn illuminierte
Pyramiden bei dem festlichen Höhepunkt, dem Nachtschießen, beiderseitig
der Allee auf, die den berühmten Trägern des schwarzburgischen
Leitnamens Günther gewidmet waren, beginnend mit Günther I., einem
angeblichen Zeitgenossen Kaiser Heinrichs I., über den Gegenkönig
Günther XXI. bis hin zu Günther XLI. im 16. Jahrhundert. Auf Feldern der
Pyramiden wurde modernes Kriegsgerät solchem aus der Zeit des
Dargestellten gegenübergestellt.

Ich muß es mir versagen, auf das für das adelige Selbstverständnis des
späten Mittelalters wie der frühen Neuzeit so wichtige Turnierwesen,
fortgesetzt in den Ritterspielen der frühneuzeitlichen Hoffeste,
einzugehen. Das Turnierbuch des Herolds Rüxners mit seiner Reihe
erfundener Turniere seit dem 10. Jahrhundert kann geradezu als
genealogisch-historische "Bibel" des deutschen Adels bezeichnet werden.
Ebensowenig kann ich die Wiederanknüpfung an mittelalterliche
Traditionen des Rittertums in den frühneuzeitlichen Ritterorden
behandeln.

Mit dem Fest- wie dem Militärwesen eng verwandt war die höfische Jagd,
die seit der Zeit um 1500 eine charakteristische Erinnerungskultur
ausgebildet hat. Sie ist faßbar in dem Trophäenkult, in
Jagd-Ereignisbildern, die genau fixierten Jagden galten, Jagd-Andenken
und Schießregistern oder Jagd-Tagebüchern. Da diesen Zeugnissen aber,
soweit ich sehe, der retrospektive Aspekt der Mittelalterrezeption
fehlt, können sie hier lediglich angeführt werden, um die Bedeutung der
Zäsur um 1500 einmal mehr zu unterstreichen.

Ein unüberschaubares, noch kaum durch vergleichende Studien bestelltes
Feld öffnet sich, wenn man sich die ganze Breite der Erinnerungsmedien
vergegenwärtigt, die mit dem aristokratischen Ahnenkult und der
Genealogie in Verbindung stehen. Da sind zum einen die dem Historiker
vertrauten schriftlichen Quellen, retrospektive Familienchroniken wie
prospektive Kinderverzeichnisse und autobiographische Notizen, nicht
selten im Überlieferungsverbund mit Aufzeichnungen zur
Wirtschaftsführung. Auf der anderen Seite stehen die Bilder und
Zeugnisse der materiellen Kultur, gemalte Ahnenproben und Stammbäume,
Grabmäler und Epitaphien, nicht zu vergessen die wappengeschmückten
Textilien, die Wandbehänge und Kissen.

In welchem Umfang in den visuellen Quellen historisierende Details
auftreten, die auf frühere Stilformen oder Kleidungen verweisen, ist
derzeit noch weitgehend unerforscht. Ein bekanntes Beispiel ist die 1567
von Kurfürst August von Sachsen errichtete Grablege der Wettiner auf dem
Petersberg bei Halle, ein bemerkenswertes Zeugnisses seines dynastischen
Selbstverständnisses. Das Kenotaph seiner hochmittelalterlichen
Vorfahren verbindet moderne Renaissance-Formen mit archaisierenden
Reminiszenzen mittelalterlicher Sepulkralplastik. Historische Treue ist
freilich nicht die oberste Maxime, denn die den Figuren beigegebenen
Wappen sind gänzlich unhistorisch. Schon im 1500 bis 1546 entstandenen
"Sächsischen Stammbuch" waren die Vorfahren teilweise mit antiquierter
Kleidung dargestellt worden, die sich an der höfischen Mode des späten
Mittelalters orientierte.

Daß schon die Zeitgenossen des 16. Jahrhunderts historisierende Trachten
wahrgenommen haben, belegt eine Notiz aus einem 1579 entstandenen Werk
des württembergischen "Historicus" David Wolleber, der sich offenbar auf
eine in Owen befindliche, inzwischen nicht mehr vorhandenen Stammtafel
der im 15. Jahrhundert erloschenen Herzöge von Teck bezog. Erhalten ist
das früher in der Stuttgarter Kunstkammer befindliche Exemplar, dessen
Inhalt dem Antiquar Andreas Rüttel dem Jüngeren zugeschrieben werden
kann. Wolleber sagt, die Herzöge von Teck seien in Owen mit "iren allten
haidnischen Claidunngen und Wappen" abkonterfeit. Heidnisch wird hier
als Gegensatz zur eigenen Mode aufgefaßt.

Ausklammern möchte ich die retrospektiven Tendenzen in der
frühneuzeitlichen Schloßarchitektur, die in der jüngeren Forschung
wiederholt Beachtung gefunden haben. Ich verweise exemplarisch auf die
Studie von Stephan Hoppe zum Güstrower Schloß, die im Untertitel
"Beobachtungen zum Historismus' und zur Erinnerungskultur' im 16.
Jahrhundert" verspricht. Wie man sich im 16. Jahrhundert eine
mittelalterliche Burg vorstellte, zeigt nicht nur das bekannte
Extrembeispiel des Niederalfinger Fuggerschlosses aus den 1570er Jahren,
sondern auch die Reihe der Burgenmodelle im Kunstgewerbe des 16.
Jahrhunderts.

Ich möchte darauf verzichten, auf das methodisch höchst schwierige
Verhältnis zwischen einer ästhetischen Formengeschichte retrospektiver
Tendenzen und dem Konzept einer geschichtswissenschaftlich akzentuierten
Erinnerungskultur, wie ich es hier vorgeschlagen habe, einzugehen und
verweise auf meinen Beitrag zur Tagung "Wege zur Renaissance" in Köln
vor einer Woche, der bald auch im Internet nachzulesen sein wird.
Wiederholen möchte ich lediglich, daß ich nichts davon halte, mit Hilfe
des reduktionistischen Vorschlaghammers "Legitimation" und einer
oberflächlichen Lektüre der historischen Literatur politische und sakral
motivierte Bezugnahmen auf Älteres aus der Formengeschichte des
Retrospektiven herauszubrechen.

Die adelige Traditionsbildung der frühen Neuzeit war durchsetzt mit
Fiktionen, die Kontinuität fingieren und ein altehrwürdiges Herkommen
demonstrieren sollten. Der Begriff "Herkommen" kann als Leitbegriff des
aristokratischen Geschichtsverständnisses in der frühen Neuzeit und als
einer der Vorläufer des modernen Geschichtsbegriffs gelten. Ich möchte
die Erfindung von Traditionen ("invention of tradition") anhand von zwei
Handschriften veranschaulichen.

In den letzten Jahren haben Historiker mehrfach dankbar auf das von
Dorothea Christ edierte Familienbuch der Herren von Eptingen, das in
einer reich illustrierten Handschrift aus dem Jahr 1627 vorliegt,
zurückgegriffen und es als faszinierende und weitgehend singuläre Quelle
zur spätmittelalterlichen Adelskultur, für Heraldik und Turnierwesen
gewürdigt. Viel zu wenig beachtet wurde, daß höchst unsicher ist, welche
Texte tatsächlich aus dem Ende des 15. Jahrhunderts stammen und was auf
das Konto des späteren Redaktors geht. Man muß ernsthaft mit der
Möglichkeit rechnen, daß dieser Texte Hans Bernhard von Eptingen
(gestorben 1484) und seinem Bruder Ludwig nachträglich zugeschrieben
hat. So ist beispielsweise die Datierung der ausführlichen
Ursprungserzählung der Eptinger, die sich vom römischen Geschlecht
Catilinas ableiten wollten, vorerst offen.

Eindeutig beweisbar ist die Fiktion eines mittelalterlichen Herkommens
bei einer merkwürdigen literarischen Traditionsbildung der
oberpfälzischen Familie Preckendorfer, die im 19. Jahrhundert durch
Ludwig Rockinger ans Licht befördert, von der modernen Forschung aber
nicht weiter beachtet wurde. 1609 wurden in eine
Schwabenspiegelhandschrift des 15. Jahrhunderts Stellen einer verlorenen
älteren Pergamenthandschrift aus dem 13. Jahrhundert eingetragen, die
nach authentisch wiedergegebenen mittelhochdeutschen Versen dem
bekannten Ritter Rüdiger Manesse von Zürich aus dem 13. Jahrhundert
gehörte. Problematisch ist lediglich der ebenfalls kopierte
Besitzvermerk, mit dem sich offenbar im 16. Jahrhundert die
Preckendorfer in die Geschichte des Pergamentcodex fiktiv
einschmuggelten. In Ich-Form bezeugt ein Heinrich der Preckendorfer, das
Buch von einem Züricher Ritter und Bürger erhalten zu haben, als er 1264
bis 1268 in Diensten Graf Rudolfs von Habsburg stand. Auf der Rückseite
des betreffenden Blatts befand sich eine Miniatur dieses Heinrich mit
seinem Wappen, die ihn in Rüstung vor einem Kruzifix kniend zeigt. Die
darunter befindlichen Verse verweisen ebenfalls in Ich-Form auf
Heinrichs Kriegstaten und berufen sich - wie schon der Besitzvermerk -
abschließend auf ein von ihm verfaßtes "raysbuch", also eine
Aufzeichnung über seine Kriegstaten. Genealogische Aufzeichnungen aus
dem Ende des 16. Jahrhunderts über die Preckendorfer in einer anderen
Handschrift kennen die beiden angeblich auf Heinrich zurückgehenden
Texte ebenfalls. Im Besitz der Preckendorfer war eine dritte Handschrift
mit Konrads von Megenberg "Buch der Natur" (Cgm 38), in die
Familiennotizen des Geschlechts eingetragen wurden und die offenkundig
das gleiche Bild wie die verlorene Pergamenthandschrift enthält, einen
knieenden Ritter vor dem Kruzifix. Nur wird es in der
Megenberg-Handschrift als Darstellung eines Stefan von Preckendorf mit
beigegebener Jahreszahl 1389 ausgegeben.

Hypothetisch möchte ich annehmen, daß in der zweiten Hälfte des 16.
Jahrhunderts im Umkreis der Preckendorfer versucht wurde, etwas über den
in der Pergamenthandschrift genannten Ritter Rüdiger Manesse
herauszufinden. Wohl anhand gedruckter Werke zur Schweizergeschichte
unternahm man es, den angeblichen kriegserfahrenen Vorfahren Heinrich in
die Geschichte Rudolfs von Habsburg zu interpolieren und ihm ein
literarisches Werk übers eine Kriegstaten zuzuschreiben. Gleichsam
visuell beglaubigt wurde diese Traditionskonstruktion mit einer
Miniatur, die auf einen spätmittelalterlichen ikonographischen Typus
zurückgreift.

Wie sich retrospektive Mittelalter-Rezeption und prospektive Sicherung
des Andenkens im 17. Jahrhundert verbunden haben, zeigt der
eichelförmige Pokal aus vergoldetem Silber, der als Pittener Eichel
bekannt ist. Eine im 16. oder frühen 17. Jahrhundert angebrachte
Inschrift weist ihn als Geschenk des Matthias Corvinus an den Pittener
Burghauptmann Wolf Teufel aus, der 1485 durch Vortäuschung von
Nahrungsmittelüberfluß den Abbruch der Belagerung erlangt habe - ein
verbreitetes schwankhaftes Erzählmotiv. Die Familie Teufel, 1563 in den
Freiherrenstand erhoben, verwendete das spätmittelalterliche Trinkgefäß
als Willkomm. 1672 wurde zur Eichel ein Gästebuch angelegt, das ihre
Geschichte erzählte und in dem sich die Besucher, die aus ihr tranken,
mit Unterschriften und meist auch Devisen verewigten. Beweisbar ist die
inschriftlich bezeugte Familienüberlieferung nicht. Der Verdacht liegt
daher nahe, daß man die Geschichte nachträglich erfunden hat.

Das aristokratische Gästebuch der frühen Neuzeit ist ein Seitenstück zu
dem in der akademischen Sphäre im 16. Jahrhundert geschaffenen
Erinnerungsmedium des Stammbuchs oder "album amicorum". Mitunter hat man
auch aufwendig illustrierte mittelalterliche Handschriften für
Gästeeintragungen verwendet, wohl weil ihr Status als Familienaltertum
dauerhafte Bewahrung versprach.

Das Stichwort Familienaltertum verweist auf das noch viel zu wenig
erforschte Gebiet des adeligen Sammelwesens. Frühneuzeitliche Kunst- und
Wunderkammern dienten immer auch als eine Art Familien-Museen, in denen
sich Erinnerungsstücke an die Angehörigen des Geschlechts vorfanden.
Nicht selten hat man Kunstsammlungen wie schon im Mittelalter die
sogenannten Hauskleinodien mit der Rechtsfigur des Fideikommiß zum
unveräußerlichen Vermögensbestand erklärt - eine dynastische Vorform
modernen Kulturgutschutzes.

In adeligen Sammlungen begegnen natürlich auch Werke aus dem
Mittelalter, doch lassen die Inventare ein klares Epochenbewußtsein
vermissen. Was vor der eigenen Gegenwart lag, wurde undifferenziert als
"altfränkisch" oder "altväterisch" etikettiert, beispielsweise im
Inventar des Jakob Tapp auf Churburg 1563. Die Südtiroler Churburg hat
sich übrigens bis heute als einzigartige Schatzkammer der Adelskultur
des Mittelalters und der Renaissance erhalten.

Familienbezogene Ausstattungsstücke, vielfach mit Wappen geschmückt,
wurden im Lauf der Zeit zu traditionellem Familienbesitz, zu
Familienaltertümern. Ahnengalerien erkundeten retrospektiv die
Vergangenheit und hielten prospektiv die Mitglieder der Familie für die
Nachwelt fest. Angesichts immenser Überlieferungsverluste sollten
heutzutage noch erhaltene Reste adeliger Schloßausstattungen, adeliger
Kunstsammlungen und adeliger Bibliotheken als unersetzliche
Kulturdenkmale eigentlich sakrosankt sein - die Realität sieht völlig
anders aus. 1995 hat Sotheby's die wunderbare Kunstkammer der
Markgrafen von Baden auf einer vielbeachteten Auktion zerschlagen, und
alle paar Monate werden gewachsene Schlossausstattungen oder
Adelsbibliotheken versteigert. Die neuen Bundesländer quälen sich
aufgrund einer verfehlten Bundesgesetzgebung mit nach 1945 enteigneten
Alteigentümern, die nicht den Anstand besitzen, traditionelle Sammlungen
als Geschichtsquellen zusammenzulassen. In diesem Monat wird sächsisches
Kulturgut aus dem Haus Wettin von Sotheby's versteigert, und bei Reiss
in Königstein kommen frühneuzeitliche Handschriften und Bücher der
ehemaligen Herzoglichen Öffentlichen Bibliothek Meiningen unter den
Hammer - gemeinsam mit den Resten einer fränkischen und einer
mecklenburgischen Adelsbibliothek. Vor wenigen Tagen wurde bei
Christie's Inventar des österreichischen Schlosses Baumgarten
versteigert. Es waren Familienporträts und Ausstattungsgegenstände der
Grafen von Lamberg dabei und ein bislang gänzlich unbekanntes
Memorialbild der Nürnberger bzw. fränkischen Familie Wolf von Wolfstal
aus dem Ausgang des Mittelalters, das als visueller Ausweis ihres
"adeligen Herkommens" fungieren sollte.

Abschließend drei kulturpolitische Forderungen zur Erinnerungskultur
unserer eigenen Gegenwart: Die Wissenschaft sollte erstens zu solchen
Kulturgutverlusten nicht länger schweigen und ihre Stimme erheben, wenn
es um den Kulturgutschutz geht. Und sie sollte sich zweitens verstärkt
forschend mit dem in Privateigentum noch vorhandenen historischen
Inventar auseinandersetzen, damit bei allen Beteiligten - Eigentümern,
Kunsthändlern, Forschern, Denkmalämtern, Ministerien - das Bewußtsein
für den Wert dieser als beziehungsreichen Ensembles unersetzlichen
Denkmäler europäischer Kulturgeschichte wächst. Drittens ist es geboten,
in großangelegten Datenbanken historische Provenienzdaten
zusammenzuführen, damit wenigstens virtuell wieder zusammenwächst, was
einst zusammengehörte.

Weiterfuehrende Aufsaetze im WWW:
http://www.uni-koblenz.de/~graf/#erinn


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