Kulturgutverluste: Schlossausstattung Baumgarten - v. Lambach - Wolf von Wolfstal

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Autor: Klaus Graf (graf@uni-koblenz.de)
Datum: 15.09.2001 - 18:33 CEST


Wieder wird mit einer Auktion eine gewachsene Schloss-Ausstattung
zerstreut und ein Kulturdenkmal zerstoert.

"Die Familie der Prinzen zu Hohenlohe-Schillingsfürst [...] trennt sich
von Teilen ihrer äußerst dekorativen Sammlung. Christie's Amsterdam
versteigert am 25. September die 265 Lose umfassende Kollektion, die
seit 1970 die Räume des an der Donau gelegenen Barockschlosses
Baumgarten zierte, einst landwirtschaftliches Gut des nahegelegenen
Stifts Göttweig", notiert die FAZ 15.9.2001, S. 58 und macht auch auf
die Familienportraets der Grafen von Lambach und zwei praechtige
kaiserliche Adelsdiplome von 1724 und 1795 aufmerksam.

Christie's Suchmaschine wirft zu Lamberg 21 Stuecke aus, darunter eine
Reihe qualitaetvoller Familienportraets, zurueckreichend bis in die Zeit
um 1600 (Lot 245). Einige weitere Adelsportraets (z.B. Wildenstein) sind
ebenfalls bemerkenswert. Ein Stueck ist durch eine Inschrift Johann
Philipp Kardinal zu Lamberg zuzuweisen, der Bischof von Passau war (Nr.
145).

Es handelt sich bei den Ausstattungsteilen Lamberg'scher Provenienz um
unersetzliche Geschichtsquellen zu dieser ochbedeutsamen
oesterreichischen Adelsfamilie [1] aus dem Bereich der Sachkultur, deren
geschlossene Erhaltung im oeffentlichen Interesse gelegen haette [2].

Hingewiesen sei auf die methodisch noch nicht reflektierte Frage, wer
fuer die kulturelle Hinterlassenschaft einer so weitverzweigten
Adelsfamilie ideell zustaendig ist: Bundeslaender, Kommunen, Stiftungen,
Geschichtsvereine usw.? Es spricht vieles dafuer, dass die beste Loesung
bei einer adeligen Sammlung die geschlossene Bewahrung an ihrem letzten
Verbringungsort darstellt bzw. durch eine oeffentliche Institution
(Museum) in der Naehe. Ein europaeische gesinnter Kulturgutschutz
muesste darauf dringen, dass die finanziellen Lasten der Erhaltung auf
die Staaten/Laender/Institutionen/Initiativen verteilt werden, mit deren
Geschichte die Sammlung verflochten ist.

Dies gilt auch fuer ein der Forschung bislang offenbar voellig
unbekanntes spaetmittelalterliches Bildzeugnis, das fuer die
Erinnerungskultur und das Geschichtsbewusstsein deutscher patrizischer
Familien am Ausgang des Mittelalters von unschaetzbarem Wert ist. Das
Votivbild derer von Wolfstal steht im Zusammenhang mit den Versuchen
dieser Aufsteigerfamilie, die sich in Augsburg, vor allem aber in
Nuernberg zu etablieren versuchte, sich ein adeliges Herkommen zu
verschaffen. Ich habe die bemerkenswerte Traditionsbildung der Wolf, die
sich seit ca. 1500 nach einem angeblichen Burgsitz Wolfstal bei
Schwaebisch Gmuend nannten, 1984 dargestellt [3].

Das Votivbild zeigt - soweit die Abbildung bei Christie's Aussagen
ermoeglicht - in drei Reihen 48 Personen (knieende Maenner und Frauen)
des Geschlechts mit ihren Wappen. An zehnter Stelle erkenne ich eine
Kanne im Schild, was auf eine in das 14. Jahrhundert gehoerende
Eheverbindung Wolf-Kaennlin (von Cannstatt) verweisen duerfte, die in
der von Martin Crusius ueberlieferten "Adelsbescheinigung" des Gmuender
Rats fuer die Wolf aus dem Seelbuch des Franziskanerklosters angefuehrt
wird ("Fraw Anna von Kanstat"). Oswald Gabelkover traf um 1600 im
Kreuzgang des Gmuender Franziskanerklosters eine mit Wappen verzierte
Tafel "darinn memoria deren vom Tal" an, die ebenfalls diese
Eheverbindung bezeugte (Gabelkover notierte die Wappengleichheit zu den
Schilling von Cannstatt, die ebenfalls eine Kanne fuehren) [4]. Diese
verlorene Tafel duerfte ein Seitenstueck zu dem nun aufgetauchten
Votivbild gewesen sein, mit dem die Wolf gleichfalls ihren adeligen
Ursprung unter Beweis zu stellen versuchten.

Bislang war von den Nuernberger Wolf von Wolfstal nur das Epitaph des
Heinrich Wolf um 1500 im Germanischen Nationalmuseum bekannt gewesen.
[5]

Ich appelliere an das GNM, das Votivbild als unersetzliche
Geschichtsquelle und herausragendes sozial- und kulturgeschichtliches
Dokument mit Nuernberger Bezug unbedingt fuer den deutschen Kulturbesitz
zu sichern und bitte gleichzeitig darum, dass alles darangesetzt wird,
wenigstens die Inschriften auf dem Votivbild und dieses selbst
fotografisch fuer die Forschung zu dokumentieren.

Klaus Graf, Univ. Freiburg

[1] Kurzinformation zu Lamberg, Adelsfamilie:
http://www.aeiou.at/aeiou.encyclop.l/l046666.htm

[2] Zum unzureichenden Ensemble-Schutz von Schloss-Ausstattungen vgl.
Klaus Graf, Vom Winde verweht: Schloßausstattungen von Ludwigslust
(Mecklenburg) und Niederstotzingen (Ostwürttemberg), Kunstchronik 52
(1999), S. 521-525. - Online-Informationen zu diesem Beitrag:
http://www.dhm.de/~roehrig/mailarchive/demuseum/arc7/msg00828.html
http://www.dhm.de/~roehrig/mailarchive/demuseum/arc7/msg00827.html

Dokumentation zu Kulturgutverlusten insbesondere im Bereich von
Adelsbibliotheken:
http://www.uni-koblenz.de/~graf/#kulturgut

[3] Klaus Graf, Gmünder Chroniken im 16. Jahrhundert, Schwäbisch Gmünd
1984, S. 132-135. Zur Sozialgeschichte der Wolf v. Wolfstal schrieb auch
Heinz Noflatscher, in: Jahrbuch für fränkische Landesforschung 55
(1995), S. 11f.

[4] WLB Stuttgart, Cod. hist. oct. 16d, S. 541f.

[5] Katalog Martin Luther und die Reformation in Deutschland, 1983, Nr.
69.

ANHANG: Materialien zu den Wolf von Wolfstal

Nr. 1

http://www.christies.com

The Collection of
the Princely Family zu Hohenlohe-Schillingsfuerst
Location: Amsterdam
Sale Date: Sep 25, 2001
Lot Number: 24
Sale Number: 2520
Creator: German School, circa 1480
Lot Title:
Commemorative votive painting of the Wolff von Wolfstahl family of
Franconia
Estimate:
3,600 - 5,500 Euros
pen, indian ink, watercolour and bodycolour on joined paper
70 x 102 cm.

***

Nr. 2

Naehere Informationen liegen ueber die in den fraenkischen Landadel
uebergwechselten von Wolfsthal im WWW nur hinsichtlich der Besitz- und
Baugeschichte von Schloss Zeilitzheim vor:

http://www.schloss-zeilitzheim.de/geschichte.htm

"1640 kaufte es der kaiserliche Oberst Hans Wolf von
Wolfsthal von seinem Schwiegervater Fuchs von Bimbach zu Neuses am
Sand.

Hans Wolf von Wolfsthal gelangte, ebenso wie sein Sohn und Nachfolger
Philipp Gaston Wolf von Wolfsthal, zu hohen Ehren und Ämtern in der nur
dem Kaiser verantwortlichen freien Reichsritterschaft. Beide wurden
Ritterhauptleute des Ritterkantons Steigerwald, dann aller sechs Kantone
in Franken und als solche turnusmäßig Generaldirektor der freien
Reichsritterschaft im Heiligen Römischen Reich deutscher Nation.

Da Philipp Gaston Wolf von Wolfsthal in dieser Eigenschaft fast eine
fürstenähnliche Stellung bekleidete und durch die Türkenkriege des 17.
Jahrhunderts als kaiserlicher Regimentskommandeur zu Geld gekommen war,
ließ er das alte Schloß abreißen und ein größeres und repräsentativeres
neues bauen. Die Pläne waren um 1680 unter Beratung des Würzburger
Hofarchchitekten Antonio Petrini entstanden, die Ausführung lag in den
Händen des Baumeisters Andreas Keßler, der z.B. die Sakristei des
Bamberger Doms, den Alten Ebracher Hof in Bamberg und die Schloßkirche
von Eyrichshof gebaut hat. So entstand bis 1683 der heutige
vierflügelige barocke Schloßbau mit dem quadratischen Innenhof. In der
prächtigen Portalanlage sollen noch Teile des Vorgängerbaus aus dem 16.
Jahrhundert enthalten sein.

Philipp Gaston Wolf von Wolfsthal, seit 1706 vom Kaiser als Graf von
Wolfsthal in den Reichsgrafenstand erhoben, hatte sicher große
Zukunftspläne für sein Geschlecht. Er hatte einen Sohn, der es als
Mitglied des kaiserlichen Reichshofrats in Wien schon zu etwas gebracht
hatte. Aber das Schicksal wollte es anders. Der Sohn starb plötzlich
1713. Philipp Gaston wußte, daß die Familie mit ihm im Mannesstamm
aussterben würde. Der Grundbesitz sollte aber ungeteilt und Name und
Wappen erhalten bleiben. Deshalb adoptierte er seinen Nachbarn und
Freund, den regierenden Grafen von Schönborn-Wiesentheid. Die
Bestimmungen des Adoptionsvertrages wurden eingehalten, bis in unserer
Zeit Graf Schönborn die Schlösser Zeilitzheim und
Neuses am Sand verkaufte."

***

Nr. 3

Klaus Graf, Bettringen im Mittelalter, in: Bettringen. Ein Heimatbuch,
Schwäbisch Gmünd 1999, S. 52-81, hier 57f.

"Im Norden der Oberbettringer Gemarkung, auf einem spitz zulaufenden
Vorsprung der Liasebene gegen das Remstal, liegt der Burgstall
(ehemalige Burg) am "Klostersturz", eine kleinere Spornburg, die mit
etwa 3000 Quadratmeter Innenfläche allenfalls Raum für einen Turm oder
ein festes Haus bot. Franz Keller glaubte 1937, noch den Zug der Wände
eines 16 x 24 Meter großen Gebäudes verfolgen zu können. Das Gelände des
von Hochwald bestandenen Burgstalls liegt im Gegensatz zu den östlich
angrenzenden Äckern (heute Kleingartenanlage) auf der Gemarkung der
Stadt Schwäbisch Gmünd (vor der Eingemeindung Bettringens), wie die
Marksteine in der Sohle des sehr gut erhaltenen Abschnittsgrabens
beweisen. Die Burgstelle gehörte früher dem Kloster Gotteszell, was den
Flurnamen "Klostersturz" erklärt. Der Gmünder Chronist Vogt schrieb
1674: "Im Sturz, allda deren von Wolfsthall ihr Schloss gestanden,
welches die Mauren und Gräben anzeigen, so ich auch selbst gesehen, das
iezt rings herum eine Waldung, und ein Theil der Statt Gmünd, das andere
aber denen Frauen von Gotteszell zugehörig".

Der Einschnitt an der Burgstelle gegen das Remstal führte seit dem 14.
Jahrhundert den Namen "Wülfinuntal", erstmals belegt 1362 (UASp 50) und
zu lesen als "der Wölfin Tal". Vermutlich war das Gebiet im Besitz einer
Witwe des Gmünder Geschlechts Wolf. Die Bezeichnung Wülfinuntal übertrug
man auf die Ruinen der Burg, die so zur "Burg Wolfstal" wurde und seit
dem Ende des 15. Jahrhunderts als Sitz der Herren "von Wolfstal" galt.

Über Nördlingen zogen Nachkommen des Gmünder Stadtgeschlechts Wolf im
15. Jahrhundert nach Augsburg und Nürnberg. Die überaus erfolgreichen
Fernhändler hielten am Ende des 15. Jahrhunderts nach einem "adeligen
Herkommen" Ausschau, das ihren Ranganspruch absichern sollte. Während
die Gmünder Wolf sich nie "von Wolfstal" nannten, legten sich die
Nürnberger und Augsburger Mitglieder der Familie diesen vermeintlich
alten Adelstitel zu. 1486 holten die Brüder Nikolaus und Balthasar von
Wolfstal bei dem Gmünder Rat ein Zeugnis über den Stand ihrer Vorfahren
ein. Die um Auskunft gebetenen Franziskanermönche verwiesen auf zwei in
ihrem Kloster begrabene Ritter, "Burckart Wolf vom Thal, Ritter" und
Peter Wolf vom Tal, gestorben angeblich 1210 und 1214. Die Wolf von
Wolfstal hätten auf der Burg Wolfstal gewohnt, deren Überreste nicht
weit von der Stadt zu finden seien. Bartholomäus Wolf habe sie an
Margarethe (von Bollstatt, seine Witwe) vererbt. Im 16. Jahrhundert trat
das Geschlecht mit dem so erworbenen Adelstitel "Wolf vom Wolfstal" in
den Landadel über und lebte auf dem Rittersitz Burgfarrnbach bei Fürth.
Mit Philipp Gaston Wolff von Wolfstal starb die Familie 1717 aus.

Festzuhalten ist also: Nachkommen des vornehmen Gmünder Geschlechts Wolf
haben seit dem Ende des 15. Jahrhunderts den Burgstall am Klostersturz
als ihre angebliche Stammburg Wolfstal beansprucht. Einen Beweis dafür,
daß die Wolf im 13. oder 14. Jahrhundert tatsächlich auf der Burg am
Klostersturz gewohnt haben, gibt es nicht. Auch die Angabe, daß sie im
Besitz des 1433 verstorbenen Bartholome Wolf gewesen sei, läßt sich mit
den erhaltenen Quellen nicht überprüfen. Wann das Kloster Gotteszell in
den Besitz der Burgstelle kam, ist nicht bekannt. Das Lagerbuch des
Klosters von 1455 vermerkt, daß Wiesen und Wald "in der Wülfin tall" von
einem Rauscher gekauft wurden. Ob sich dabei auch der Burgstall befand,
ist fraglich, da die Umgebung der Burgstelle nach Ausweis der Gmünder
Urkunden mehreren Besitzern gehörte."

***

Nr. 4

Klaus Graf, Gmünd im Spätmittelalter, in: Geschichte der Stadt
Schwäbisch Gmünd, Stuttgart 1984, S. 87-184, 564-590, hier 125

"Wolf. 1270 unter dem Namen Wolf erstmals erwähnt, gehört diese Familie
wohl zu den Nachkommen der Bürger von 1162. Von 1296 bis zum Tod des
Heinrich Wolf 1436/37 zählte sie zur Führungsschicht. Klaus Wolf, ein
Verwandter Heinrichs, ließ sich in Nördlingen nieder, wo er als
Fernhändler erfolgreich war. Seine Söhne Heinrich in Nürnberg und
Balthasar in Augsburg setzten den Welthandel fort und gehörten am Ende
des 15. Jahrhunderts zu den reichsten Bürgern Oberdeutschlands.
Heinrichs Sohn Balthasar nahm, unter Berufung auf Gmünder Traditionen,
das Adelsprädikat » von Wolfstal « an, seine Nachkommen waren als Wolf
von Wolfstal bis zum Aussterben der Familie 1717 Mitglieder des
Ritterkantons Steigerwald.

Besonders ausgeprägt waren bei den Wolf die Ehebeziehungen zum Landadel:
Burkhard Wolf soll im 13. Jahrhundert mit Agnes von Urbach verheiratet
gewesen sein, Johannes Wolf, erschlagen 1388 bei Weil, mit Anna von
Schnaitberg. Urkundlich gesichert ist, daß eine Schwester des jüngeren
Heinrich Wolf, Besitzer der Burg Rinderbach, Fritz von Schaitberg
heiratete, sein Sohn Bartholomäus Wolf Margaretha von Bollstadt und Hans
Wolf Anna von Westerstetten. Weitere Eheverbindungen verweisen auf
Beziehungen zu den Oberschichten der Städte Ulm (Rot), Hall (Berler),
Heilbronn, Eßlingen (Kils), Nördlingen und Cannstatt (Kännlin)."


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