Ursprung und Herkommen

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From: Klaus Graf (graf@uni-koblenz.de)
Date: 08.03.2000 - 03:12 CET


Der folgende Vortrag wurde vom Publikum gut aufgenommen und weist auch
einige unterhaltsame Stellen auf, weshalb ich mir erlaube, ihn im
Volltext zu dokumentieren.

Viele Gruesse
Klaus Graf
http://www.uni-koblenz.de/~graf

Klaus Graf: Urprung und Herkommen. Funktionen vormoderner
Gründungserzählungen

Referat auf der 3. Jahrestagung des SFB 541 "Identitäten und
Alteritäten" an der Universität Freiburg im Breisgau am 14.2.2000

Till Eulenspiegel, erzählt das 1515 in Straßburg gedruckte Schwankbuch,
kommt nach Marburg an den Hof des Landgrafen von Hessen und gibt sich
dort als Maler aus. Seine Mustermappe enthält die Werke anderer Künstler
und so verschafft er sich einen ganz besonderen Auftrag: Er soll den
Schloßsaal mit einer Ahnengalerie ausmalen, mit dem "Herkumen der
Landgrafen von Hessen". Eulenspiegel verlangt 400 Gulden und legt die
Hände in den Schoß. Bis zur Vollendung des Gemäldes darf den Saal
niemand betreten. Die mit der ersten Rate von 100 Gulden engagierten
Gehilfen werden für ihren Müßiggang gut bezahlt und lassen daher den
Schwindel nicht auffliegen. Als aber der Landgraf endlich das Werk sehen
will, erklärt ihm Eulenspiegel zuvor, nur ein ehelich Geborener könne
etwas von dem Bild erkennen. Der Schelm zieht im Saal den Vorhang weg
und erläutert mit einem Zeigestab die Ahnenbilder, beginnend mit dem
ersten Landgrafen, einem Colonna von Rom, der die Tochter Justinians zur
Frau gehabt habe - eine natürlich erfundene Genealogie.
Selbstverständlich sieht sein Auftraggeber nur die weiße Wand, schweigt
aber still. Genauso ergeht es der Landgräfin, die mit ihren Hofdamen und
einer Närrin das Bild besichtigt. Nur die Närrin ruft aus: Liebster
Meister, ich sehe nichts von einem Gemälde und sollte ich mein Lebtag
ein Hurenkind sein. Da wird es Eulenspiegel mulmig und er sucht das
Weite, jedoch nicht ohne eine zweite Rate von weiteren 100 Gulden
einkassiert zu haben.

Bis heute ist der von der 27. Histori des Eulenspiegelbuchs ironisierte
adelige Ahnenkult, die Suche nach einem möglichst alten und ehrenvollen
Ursprung der Familie, ein dankbares Thema bürgerlichen Spotts geblieben.
"Unsere Familie ist SEHR alt", teilt auf einer Karikatur von Chas Addams
im New Yorker 1949 eine Lady dem staunenden Besucher der Ahnengalerie
mit. Als ältesten der porträtierten bedeutenden Vorfahren erkennt man
einen Höhlenmenschen mit Keule. In einem Werk der deutschen
Barockliteratur, Julius Wilhelm Zinkgrefs Spruchsammlung
"Apophthegmata", erstmals 1626 in Straßburg gedruckt, gibt es mehrere
Geschichten, die das Thema des alten Herkommens berühren. Da ist Claus,
der Hofnarr Kurfürst Friedrich des Weisen, der einem, der sein hohes
Geschlecht und sein altes Herkommen sehr lobte, entgegenhielt, er solle
lieber rühmen, was ihn selbst betreffe (137f.). Eine andere Geschichte
berichtet vom Junker Mändle, der zwei sich über das Alter ihrer Familie
heftig streitende Adelige mit den Worten auslachte, sein Geschlecht sei
das allerälteste vermög der Heiligen Schrift, Genesis Kapitel 1: Und
Gott schuf Männle und ein Fräulein. "Machte also hiemit aus dem albernen
Hader ein Gelächter" (126).

Der adelige Ahnenstolz war ebenfalls ein ständiger Topos in den
gelehrten Schriften über den sogenannten Tugendadel. Wie sehr das
Herkommen des Adels lebensweltlich relevant war, einen bedeutsamen "Sitz
im Leben" besaß, hat Beat Rudolf Jenny anhand von Episoden der
Zimmerischen Chronik, jener ebenso amüsanten wie unerschöpflichen Quelle
zur südwestdeutschen Adelskultur des 16. Jahrhunderts, demonstrieren
können. "Will man einen bei seiner Ehre nehmen", schlußfolgert Jenny,
"so packt man ihn bei den Mängeln in seinem 'Herkommen'" (30). Im 16.
Jahrhundert hatten flott kombinierte oder schlicht und einfach erfundene
Ursprungsgeschichten Konjunktur; Jenny spricht sogar von einer
"Herkommensseuche". Nicht das Mittelalter war das goldene Zeitalter der
Ursprungsfiktion, sondern die frühe Neuzeit. Der kritische Sinn des
Renaissancehumanismus wies zwar manche mittelalterliche Fabel zurück,
zur gleichen Zeit aber wurden historische Fiktionen, die mit
glanzvollen Ursprüngen auftrumpfen konnten, en masse produziert. Da gab
es etwa den schlesischen Autor Abraham Hosemann, der gewerbsmäßig von
vorne bis hinten erlogene Stadtchroniken fabrizierte und verkaufte.

Ich möchte im folgenden anhand des Begriffs Herkommen die
identitätsstiftenden Funktionen von Ursprungserzählungen etwas näher
beleuchten und in einem kürzeren Schlußteil auch die Rolle der Kategorie
Alterität in Gründungserzählungen thematisieren.

Der Begriff Herkommen scheint mir ein Schlüsselbegriff bei der Analyse
der Traditionsbildung in Spätmittelalter und früher Neuzeit zu sein.
Herkommen ist ein Quellenbegriff. Namentlich die Paarformel "Ursprung
und Herkommen" begegnet im Titel nicht weniger historiographischer Werke
des 16. Jahrhunderts. Bereits Jenny hatte registriert, daß "Herkommen"
damals als Gattungsbezeichnung für adelige Familiengeschichten diente.
Eines der frühesten Beispiele ist der 1491 in Basel gedruckte
Babenbergerstammbaum des Wiener Kanonikers Ladislaus Sunthaim, eines
Mitarbeiters des Projekts "Gedächtnus", das man als
genealogisch-historischen Sonderforschungsbereich Kaiser Maximilians I.
bezeichnen könnte. Sunthaims genealogische Ausarbeitung trägt im Druck
den Titel: "Der loeblichen Fuersten und des Landß Oesterreich alt
Harkomen und Regierung".

Bei der Semantik von Herkommen wirken die Aspekte Migration, Genealogie,
Sukzession, Rechtsgewohnheit und Tradition bzw. Geschichte zusammen. Das
Stichwort Migration bezieht sich auf das Herkommen einer Gruppe im Sinne
räumliche Herkunft, die seit der "Origo gentis" des frühen Mittelalters
für das Geschichtsverständnis bedeutsam geworden ist. Erinnert sei nur
an das Troja-Herkommen, die Auffassung von der Herkunft europäischer
Völker aus Troja. Genealogie im Sinne der Filiation, der genealogischen
Abstammung und Sukzession im Sinne der rechtmäßigen Herrschaftsnachfolge
werden oft begrifflich zusammengeworfen. Im einen wie im andern Fall
behauptet das Herkommen eine Kontinuität, es überbrückt die Lücke
zwischen Ursprung und Gegenwart und stiftet auf diese Weise Legitimität.

Das alte Herkommen ist zugleich ein Rechtsbegriff, es ist der Inbegriff
der Rechte, die dem einzelnen oder der Korporation von alters her
zustehen. Es ist das "gute alte Recht", das nicht geändert werden darf
oder wiederhergestellt werden muß. Michael Prosser resümiert in seiner
volkskundlichen Dissertation über ländliche Rechtsaufzeichnungen am
Oberrhein: "Mit dem Herkommen bezeichneten die Sprecher der Dingrechte
das mündlich vermittelte, gehört erfahrene Überlieferungsgut
schlechthin." (106).

Weder Genealogie im wörtlichen Sinn noch das Gewohnheitsrecht, sondern
der historische Ursprung und die sich anschließende geschichtliche
Entwicklung der Stadt ist gemeint, wenn sich der Augsburger Benediktiner
Sigismund Meisterlin 1457 in der Widmungsvorrede der deutschen
Übersetzung seiner lateinischen Stadtchronik auf das Herkommen Augsburgs
bezieht. Der Auftraggeber der lateinischen Fassung Sigismund Gossembrot
habe mit ihm oft geredet "von diser künigklichen statt herkommen". Der
Adressat der Übersetzung, der Augsburger Stadtrat, solle dafür sorgen,
daß die "hochwirtikait und allt herkomen diser ewer stat" nicht länger
unbekannt bleibe.

Das Herkommen kann als Vorläufer sowohl des modernen Geschichts- als
auch des modernen Traditionsbegriffs verstanden werden. Es bündelte, so
Reinhard Koselleck, in vorkritischer Weise Möglichkeiten historischen
Erfahrung. Und der Theologe Siegfried Wiedenhofer, dem die
eindringlichsten neueren Studien zum Traditionsbegriff verdankt werden,
formulierte 1988: "Ob es sich um die Geschichte der Adelshäuser, der
Patrizierfamilien, der Städte oder des Herrscherhauses handelt, die
humanistischen Chronisten beschreiben - pointiert ausgedrückt - nicht
die 'Geschichte', sondern das 'Herkommen', sie sammeln, ordnen, bewahren
und aktualisieren nicht 'Überlieferungen', sondern das Gedächtnis"
(34). Das Paar "Herkommen" und "Gedächtnis" begegnet wieder in dem
ambitionierten Versuch Aleida Assmanns über das kulturelle Gedächtnis.
In ihrem Buch "Zeit und Tradition" aus dem letzten Jahr kommt sie auf
die Leitbegriffe "Herkommen" und "Gedächtnis" im Abschnitt über
"Genealogie als Herrschaftssicherung" zu sprechen: "'Herkommen' bezieht
sich auf die Beglaubigung, 'Gedächtnis' auf die Verewigung einer
Tradition. Im einen Fall geht es um den retrospektiven Nachweis von
hohem Alter und ununterbrochener Aufeinanderfolge der Generationen; im
anderen um die prospektive Verfestigung von Dauer und die Sicherung von
Ruhm in der Nachwelt" (102). In der größeren Monographie
"Erinnerungsräume" ist diese Gegenüberstellung aufgegeben worden:
Herkommen und Gedächtnis sind nunmehr beide rückwärtsgewandt, und die
prospektive Verewigung wird terminologisch mit dem Begriff fama
gekennzeichnet. Dazu eine Anmerkung: Die Erinnerungskultur wird etwa
seit der Zeit Maximilians in der Tat von einer Verschränkung der
retrospektiven und der prospektiven Dimension der Erinnerung bestimmt.
Gedächtnus, von Jan-Dirk Müller als Schlüsselbegriff für Kaiser
Maximilian erwiesen, meint beides: Sorge um die Altertümer wie um den
eigenen Nachruhm, Denkmalpflege wie Denkmalsetzung. Ahnengalerien
illustrieren diese Verschränkung, denn sie porträtieren sowohl die
vergangenen als auch die gegenwärtigen Familienmitglieder für die
Nachkommenschaft.

In einer Studie zur Funktionsanalyse heroischer Überlieferung am
Beispiel der Nibelungensage hat Joachim Heinzle die von mir
vorgeschlagenen komplementären Textfunktionen Herkommen - diese Funktion
bezieht eine Geschichte auf ein Zurechnungssubjekt, eine Person,
Institution oder Gruppe - und Exemplum - dieses unterlegt einer
Geschichte eine Lehre oder Regel - mit der Unterscheidung normativer und
formativer Texte durch Jan Assmann in Verbindung gebracht. Assmann
formuliert: "Normative Texte antworten auf die Frage 'Was sollen wir
tun?' [...]. Formative Texte - z.B: Stammesmythen, Heldenlieder,
Genealogien - antworten auf die Frage: 'Wer sind wir?' Sie dienen der
Selbstdefinition und Identitätsvergewisserung [... ,] vermitteln
identitätssicherndes Wissen" (142).

Der Quellenbegriff "Herkommen", mit dem das Eulenspiegelbuch die
Genealogie der hessischen Landgrafen bezeichnet, ist, dies sollte
deutlich geworden sein, zugleich ein modernes theoretisches Konzept, das
sich im Kontext neuerer Studien zur Erinnerungskultur,
Historiographiegeschichte und Traditionsbildung als attraktiv erwiesen
hat.

Das Herkommen präsentiert die Identität, wie man mit Hermann Lübbe sagen
könnte. Es präsentiert sie in narrativer Form, als Geschichte, doch
erfaßt das Herkommen die Identität des Zurechungssubjekts oft genug
nicht in ihrer unverwechselbaren Einzigartigkeit, um die es Lübbes
Geschichtstheorie ja vorzugsweise zu tun war. Stattdessen erscheinen in
Ursprungserzählungen vielfach stereotype Erzählmuster, wiederkehrende
Motive und das Phänomen der Ansippung oder Anlagerung an andere
Überlieferungskomplexe.

Das Herkommen ist Geschichtserinnerung fundierenden Charakters im Sinne
Jan Assmanns, denn als fundierend gilt alles, was Gruppen für ihr
Selbstverständnis, ihre Identität verwenden. Assmann gebraucht für die
fundierenden Geschichten den Begriff "Mythen", und Gerd Althoff, der
sich in den letzten Jahren immer wieder gewinnbringend mit
historiographischen Fiktionen aus der Zeit des Früh- und
Hochmittelalters auseinandergesetzt hat, hat sich ihm in seinem Beitrag
zum Band "Mythos und Nation" angeschlossen. Zu erinnern ist aber auch an
das Konzept von Frantisek Graus, dessen Monographie "Lebendige
Vergangenheit" von 1975 das Standardwerk zur historischen
Traditionsbildung darstellt. Mit dem Begriff der historischen
Überlieferung bzw. Tradition wollte dieser die für eine Gemeinschaft,
ihre Trägergruppe, bedeutsamen Erzählungen fassen. Solche Traditionen
stellen sich, wie Graus zeigen konnte, oft genug als gleichsam
illegitime Kinder der gelehrten Forschung heraus. Die hier besprochenen
Beispiele von Ursprungsüberlieferungen waren in der Regel keine
"Volkssagen" im Sinne des Klischees von der mündlich tradierten
Geschichtsüberlieferung.

Fundieren heißt: den Grund legen, begründen, erklären, legitimieren. Der
Ethnologe Malinowski hat diese Funktion "Charter" genannt. Die "Allianz
zwischen Herrschaft und Gedächtnis" hat Jan Assmann prägnant auf den
Punkt gebracht: "Herrschaft braucht Herkunft" (71). Oder mit dem hier
vorgeschlagenen Begriff: "Herrschaft braucht Herkommen".

Ursprungserzählungen werden von der neueren Forschung gern als
"intentionale Geschichte", als Zweckerzählungen im Dienst der Gegenwart
und insbesondere politischer Interessen gesehen. Sie antworten auf ein
aktuelles Problem, reagieren auf eine Krise oder versuchen einen Makel
zu bewältigen. Wie Traditionen erfunden und konstruiert wurden, ist
schon oft gezeigt worden und wird auf dieser Jahrestagung noch vielfach
zur Sprache kommen. Daher hier nur ein einziges Exempel: Als 1473 Kaiser
Friedrich III. die oberrheinischen Reichstädte wieder enger an das Reich
binden wollte, legte in Basel der Unterschreiber Johannes eine
Abhandlung vor, in der er ausführte, Basel sei von einem stadtrömischen
Bürger Basilius gegründet worden und daraus folgere auch die
Steuerfreiheit gegenüber dem Kaiser.

Ich möchte allerdings nicht verhehlen, daß mich gelegentlich ein
gewisses Unbehagen überkommt, wenn ich in inflationärer Häufung den
Begriff Legitimation lese. Ein Universalschlüssel scheint gefunden, der
zu allem paßt. Nicht nur Historiker, auch Literaturwissenschaftler und
Kunsthistoriker berufen sich allzugern auf die Legitimationszwänge
mittelalterlicher Herrscher, wenn sie Texte oder Kunstwerke erklären
wollen. Dabei bekommt es beiden Quellengattungen selten gut, wenn sie an
der zu kurzen Leine der Legitimation ausgeführt werden.

Es erscheint mir sinnvoll, bei der Interpretation von
Ursprungsüberlieferungen auch danach zu fragen, was nicht als
absichtsvolle Instrumentalisierung etikettiert werden kann. Völlig
zweckfreies, gleichsam reines historisches Interesse ist eine Chimäre,
die es nie gegeben hat. Aber es gibt im Untersuchungszeitraum einen
erkennbaren Trend zur Autonomie der Historie, wobei die Kategorie
"Alter" zunehmend an Bedeutung gewann. Mönche oder Gelehrte, die sich -
ausgehend von den Bedürfnissen ihrer Gegenwart - intensiv mit der
historischen Überlieferung auseinandersetzten, entwickelten oft einen
gewissen historischen Sinn. Sie waren fasziniert von den Altertümern,
denen sie begegneten und wurden gleichsam zu frühen Altertumsforschern.
Kaum bekannt ist, daß Wurzeln des Antiquarianismus des 16. Jahrhunderts
- am deutlichsten ausgeprägt zeigt er sich in England - bereits im
Spätmittelalter liegen.

Auch der Historiker muß Ursprungserzählungen als narrative Texte
ernstnehmen. Wenn es sich um längere Werke handelt, kann man sogar davon
sprechen, daß sie eine eigenständige fiktionale Welt entwerfen, die dem
Leser eine spezifische Form der Unterhaltung und intellektuellen
Vergnügens bot. Ich denke beispielsweise an die merkwürdigen Erzählungen
der hochmittelalterlichen "Gesta Treverorum" über das antike Trier.
Ursprungserzählungen können vielleicht auch als Ursprungsphantasien
bezeichnet werden, wobei der Begriff Phantasie keinesfalls abwertend
gemeint ist, vielmehr soll er auf das kreative Spiel mit Erzählschemata
und Erzählmotiven aufmerksam machen, das von Historikern manchmal über
der Suche nach der aktuellen politischen Tendenz, die inzwischen an die
Stelle der zurecht obsoleten Suche nach dem sogenannnten historischen
Kern getreten ist, etwas vergessen wird.

Neben der politischen Funktion der Herrschaftslegitimation könnte man
nun weitere Funktionen auflisten. An den Gründungserzählungen von
Klöstern und Wallfahrtsorten wäre etwa aufzuzeigen, wie der Ort narrativ
sakralisiert, mit hagiographischen Erzählmotiven als Stätte des Heiligen
und Numinosen ausgewiesen wird. Ich möchte die mir verbleibende Zeit
jedoch dazu nutzen, nach dem Stellenwert von Alterität in
Ursprungsüberlieferungen zu fragen. Ich klammere dabei das vielleicht
schlagendste Beispiel aus, die im 15. Jahrhundert entstehende
eidgenössische Vergangenheitskonstruktion, denn auf die mit der Figur
Wilhelm Tells verbundene sogenannte Befreiungstradition, die gegen die
österreichische Herrschaft als Alterität Partei ergriff, wird Herr
Marchal eingehen.

Alterität, die Auseinandersetzung mit dem Anderen, ist gegeben, wenn die
Kategorie der "Anciennität", des Ehrenvorrangs qua Alter, ins Spiel
kommt, denn die Altersbehauptung impliziert stets ein Feld von
Mitbewerbern. Trier, das sich als zweites Rom verstand, wollte lange vor
Rom gegründet worden sein und zwar von Trebeta, dem Stiefsohn der
Semiramis, und Solothurn in der Schweiz nahm das gleiche für sich zum
Anspruch. In der frühen Neuzeit kam es zum Ausgleich: die beiden Städte
sahen sich als Schwesterstädte. Gemeinsames Herkommen konnte also auch
Gemeinschaft stiften - eine soziale Funktion, der man allerdings nur
sporadisch begegnet. In der Aufklärungszeit machte sich übrigens ein
Solothurner Maler über den maßlosen Altersstolz seiner Mitbürger lustig:
Er stellte dar, wie die Solothurner Bürger von ihrer Stadtmauer aus die
Erschaffung von Adam und Eva beobachteten.

Über das höhere Alter, die Anciennität stritten sich im Spätmittelalter
erbittert die im 13. Jahrhundert entstandenen Bettel- und Eremitenorden.
Der Prophet Elias, der Eremit Paulus von Theben und der Kirchenvater
Augustinus wurden von ihnen ernsthaft als Gründer beansprucht. Und
selbst die Universitäten, die wir doch heute als Horte unübertreffbarer
Rationalität und Wissenschaftlichkeit verehren, beteiligten sich an
solchen Rangeleien. Die ältesten und bedeutendsten Universitäten
versuchten sich in Spätmittelalter und früher Neuzeit an Alter zu
übertreffen. Paris wollte in der Karolingerzeit gegründet worden sein,
Bologna von Kaiser Theodosius II., Oxford von König Alfred dem Großenim
9. Jahrhundert, und das rivalisierende Cambridge hielt sich
selbstverständlich für weitaus älter als Oxford. Obwohl die kritische
Wissenschaft die entsprechende Überlieferung längst zu Grabe getragen
hatte, beging das University College in Oxford noch 1882 mit großem Pomp
das tausendjährige Jubiläum der Gründung unter König Alfred.

Alterität ist ebenfalls gegeben, wenn die eigenen Ursprünge befremdlich
werden, weil die in den Gründungserzählungen auftretenden Fremden nicht
mehr gern gesehen werden. Es handelt sich um eine Tendenz zur
Nationalisierung, die seit der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts an
Bedeutung gewinnt. Im Mittelalter hatten sich viele deutsche
Adelsfamilien von italienischen, nämlich stadtrömischen Geschlechtern
abgeleitet - erinnert sei an die von Eulenspiegel fingierte Abkunft der
Landgrafen von Hessen von den Colonna, die sie mit der wichtigsten
Dynastie des Reichs, den Habsburgern, teilten. In der Zeit des
Humanismus gerieten solche Ursprünge aus der Mode, denn die Kampfparole
der patriotischen Humanisten behauptete die Autochtonie der alten
Germanen: "Germani sunt indigenae", die Deutschen sind Ureinwohner und
nicht zugezogenes Volk. Der Römerkämpfer Arminius wurde zum Heros der
Deutschen, und der Römerkämpfer Brennus zum Heros der Brandenburger. Dem
Zimmernchronisten gefiel es im 16. Jahrhundert gar nicht mehr, daß
manche seine Familie von den Königen von Zypern ableiteten.

Julius Caesar war, folgt man Heinz Thomas, so etwas wie eine
"Stifterfigur der Deutschen des Mittelalters" (254). Selbst
mitteldeutsche Städte leiteten ihre Gründung von ihm ab, beispielsweise
Merseburg. Erste Zweifel am römischen Ursprung dieser Stadt wurden 1606
formuliert. Georg Han bezog sich dabei kritisch auf die Ausländerei der
Deutschen: "auch daß noch diese Vanitet nicht seltzam ist, daß [=weil]
man was ausländisch ist, bißweilen nicht unbillich, bißweilen aber aus
einem gefasten wahn höher achtet, also was inländisch ist".

Gelegentlich hat man das Fremde aber auch bewußt in den Ursprung
hineingenommen. Für die frühneuzeitlichen deutschen Städte war der
räuberische Adel ein nach wie vor virulentes historisches Feindbild.
Trotzdem findet man in einigen Städten die Überlieferung, am Anfang der
eigenen Entwicklung hätten Räuber oder adelige Raubhäuser gestanden. Mir
erscheint hier eine kontrastive Funktion naheliegend: Aus Orten des
Unrechts wurden Stätten des Friedens und des Rechts.

Diese wenigen Beispiele sollten plausibel machen, daß es sich durchaus
lohnt, in vormodernen Gründungserzählungen nicht nur nach Identitäten,
sondern auch nach Alteritäten Ausschau zu halten. Es handelt sich jedoch
um ein echtes Desiderat der Forschung.

Ich bin am Schluß angelangt. "Welcher Historiker wollte wohl", fragte
Niebuhr in seiner römischen Geschichte, "die stets wechselnden Umrisse
der Wolken von Mythologien verfolgen, das Spielzeug willkürlicher
Geschichtenerzähler?". Heute gilt beinahe das Gegenteil, denn die
Analyse der lange aufgrund ihrer faktischen Unrichtigkeit verworfenen
Erzählungen von Ursprung und Herkommen ist meiner Ansicht nach zu einem
der spannendsten interdisziplinären Arbeitsgebiete geworden.
Geschichtswissenschaftliche Erforschung historischer Traditionsbildung,
literaturwissenschaftliche Ansätze und die volkskundliche
Erzählforschung können hier mit Gewinn zusammenwirken. Daß man dabei
nicht auf "wolkige" Auskünfte angewiesen bleibt, werden die weiteren
Vorträge unserer Jahrestagung sicher zur Genüge belegen.


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